Sonntag, 22. Januar 2012

Angelika Fischer – Das grosse Rohkost-Buch

Grundlagen und Praxisanleitungen für eine erfolgreiche Ernährungsumstellung
Windpferd/2011

Mit 480 Seiten, einem Gewicht von 1,5 Kilo und einem Beinahe-A4-Format handelt es sich tatsächlich um ein grosses Buch. Angelika Fischer, einer Ingenieurin in Umwelt und Biochemie, die dank Rohkost-Ernährung ihre Neurodermitis und andere chronische Krankheiten geheilt hat, ist es offenbar ein Anliegen, mit dem „grossen Rohkost-Buch“ angehenden Rohköstlern einen Weg zur reibungslosen Ernährungsumstellung aufzuzeigen.

Dass das Rohkostverständnis der Autorin teilweise stark von dem anderer Rohkostvertreter abweicht ist zwar manchmal erfrischend. Doch in einem Buch, das sich als „Das grosse Rohkost-Buch“ bezeichnet, hätte man sich gewünscht, dass die Ansichten der Autorin mit den wichtigsten der bereits bestehenden zumindest in Beziehung gesetzt worden wären – oder dass ansonsten ein anderer Titel gewählt worden wäre.

Fischer geht davon aus, dass wir, um uns, besonders als Rohköstler, ausgewogen zu ernähren, die verschiedenen Pflanzenfamilien und ihre hauptsächlichen Inhaltsstoffe kennen müssen. So befasst sich denn auch der Hauptteil des Werkes damit, uns diese Pflanzengruppen und ihre wichtigsten Bestandteile vorzustellen. Eine nicht zu überlesende Botschaft des Buches ist aber auch, dass und wie wir unsere Sinne, insbesondere den Geruchs- und Geschmackssinn, dazu benutzen sollen, um die Qualität von pflanzlichen und tierischen Nahrungsmitteln zu erkennen bzw. deren Inhaltsstoffe festzustellen. Die Lebensmittelpyramide für Rohköstler teilt unsere Nahrung in häufig, jahreszeitenabhängig und selten oder nach Bedarf zu konsumierende Pflanzengruppen ein. Das Buch ist auf Qualitätspapier gedruckt und mit vielen schönen Farbfotos und bunten Tabellen und Abbildungen angereichert.

Es stellt sich jedoch die Frage, ob die Komplexität des Themas nicht das Zielpublikum verfehlt. Als Motivator, um auf die Rohkost umzusteigen, ist das Buch wegen seiner grösstenteils sehr technischen Ausführungen wenig geeignet (ganz im Gegensatz beispielsweise zu Wandmakers „Rohkost statt Feuerkost“ oder anderen weniger wissenschaftlich geschriebenen Einführungen in die Rohkost-Ernährung). Die meisten Neo-Rohköstler kümmern sich erst mal überhaupt nicht um die Zusammensetzung ihrer Nahrung, zu einschneidend – meistens im positiven Sinne – sind die Veränderungen im Wohlbefinden, die sich durch diese Ernährungsumstellung ergeben. Erst wenn sich durch eine zu einseitige Ernährung oder durch Altlasten Mangelerscheinungen einstellen, fangen die meisten an, sich näher mit der Theorie zu befassen. So gesehen ist „Das grosse Rohkost-Buch“ eher für bis zu einem gewissen Grad erfahrene Rohköstler geeignet, die vielleicht trotz Problemen diesen Weg weiter gehen wollen.

Daneben ist es zweifelhaft, ob es überhaupt nötig ist, sich ein so detailliertes theoretisches Wissen anzueignen, um mit der Rohkost klarzukommen. Das Geruchs- und Geschmacksempfinden in die Ernährungsauswahl einzubeziehen ist bestimmt ein „sinn“-voller Weg, doch gerade deshalb müsste man doch davon ausgehen, dass es für einen Rohköstler reicht, instinktiv zu erriechen und erschmecken, woran er Bedarf hat. Wenn man nämlich ins Tierreich blickt, stellt man fest, dass kein Tier irgendwelche Bücher lesen muss, um zu wissen, welche Nahrung für es gut ist. Im Übrigen spielt dabei auch das Angebot eine Rolle, was bei näherer Betrachtung ein weiterer Makel im „grossen Rohkost-Buch“ ist. Erstens nützt all das theoretische Wissen über Pflanzenfamilien zunächst gar nichts, wenn man sich nicht mit Wildpflanzen schon auskennt. Es ist, als ob wir laufen sollten, bevor wir überhaupt stehen gelernt haben. Ganz abgesehen davon, dass nicht jeder einen eigenen Garten besitzt, wo er, wie anscheinend Frau Fischer, nach Lust und Laune Kräuter anpflanzen kann. Und zweitens sind sehr viele der erwähnten Pflanzen nicht bei uns heimisch – die Rede ist nicht von Bananen, Orangen und Co., die es in jedem Supermarkt zu kaufen gibt, sondern von beispielsweise Safus, Durian oder Cassia. Diese werden angepriesen, als seien sie ohne weiteres für jedermann erhältlich und erschwinglich. Dem ist natürlich nicht so. Genauso wie der ökologische Aspekt dieses Exotentourismus völlig ignoriert wird. Es mutet reichlich schizophren an, wenn sich ein Rohköstler auf Natürlichkeit beruft, um seine Ernährungsweise zu rechtfertigen, sich aber gleichzeitig den Luxus gönnt, sich regelmässig Tropenfrüchte von spezialisierten Versandfirmen nach Hause schicken zu lassen.

Sprachlich hat man den Eindruck, das Buch sei überhaupt nicht oder zumindest sehr schlampig lektoriert worden, was schade ist bei dem insgesamt doch gehaltvollen Thema und der grossen Arbeit, die dahinter steckt, den in vielerlei Hinsicht wertvollen Inhalt aufzubereiten. Ein Lektorat hätte bestimmt auch einige der inhaltlichen Fehler entdeckt, wie z.B. dass Orangen sowohl bei den Früchten, die nachreifen, als auch bei jenen, die nur an der Mutterpflanze ausreifen, aufgeführt sind. Und nicht zuletzt hätte ein Lektorat „durchaus“ verhindern können, dass dem Leser schon nach wenigen Seiten auffällt, welches das Lieblingswort der Autorin ist, kommt das „durchaus“ praktische und vielseitige Adverb doch so häufig vor, dass es zuweilen „durchaus“ störend wirkt.

Dienstag, 10. Januar 2012

David Wroblewski - Die Geschichte des Edgar Sawtelle

Deutsche Verlags-Anstalt, 2009
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Barbara Heller und Rudolf Hermstein

Er hatte gehofft, einen Roman zu finden, der das, was wir über hündisches Verhalten, Wahrnehmungsvermögen und Abstammung wüssten, mit dem verbände, was er selbst in seinen Erfahrungen mit Hunden gelernt hatte, sagt Wroblewski. Dazu musste er weit zurückgehen, bis zu Jack Londons „Der Ruf der Wildnis“ oder Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“. Dann kam ihm die Idee für eine Geschichte, die er neben seiner Tätigkeit als Software-Entwickler in mehr als zehn Jahren niederschrieb und schliesslich – mit fünfzig – als Erstlingswerk veröffentlichte, „Die Geschichte des Edgar Sawtelle“, die einige Parallelen zu seiner eigenen Kindheit aufweist.

Der von Geburt an stumme (aber nicht taube) Edgar Sawtelle wächst auf einer Farm im Mittleren Westen auf. So erwartet der Leser leicht angekitscht und atmosphärisch ein bisschen an die gute alte »Waltons«-Familie erinnert eine müde plätschernde Lebensgeschichte. […] Zumal Wroblewski der Versuchung vordergründig widersteht, die Stummheit des Jungen erzählerisch zu emotionalisieren (tatsächlich schwingt natürlich eine exotische Komponente mit, die jedoch nur zwischen den Zeilen anklingt, weil sie wohl mit dem amerikanischen Political-Correctness-Zwang ansonsten kaum vereinbar wäre). (Gregor Keuschnig/begleitschreiben.net)

Um sich verständlich zu machen, benutzt der Junge die Hände. Sein Nachname ist also selbstredend: Sawtelle, eine Mischung aus Sehen und Reden. Damit fängt es schon an, gleich auf dem Umschlag: Dieses störende Gefühl, auf jeder Seite des Romans könnte selbst das Nebensächlichste immer noch mehr bedeuten. (Tobias Rüther/FAZ) Nahezu jedes Ereignis wird entweder durch ein Zeichen eingeleitet oder bekommt auf einer zweiten Ebene eine Symbolik zugewiesen, die jedoch letztlich nur für sich steht und mit dem weiteren Verlauf der Ereignisse nichts oder kaum etwas zu tun hat. Überall gibt es diese Spuren, die nach Interpretation geradezu verlangen, aber oft genug ins Leere verlaufen. (Gregor Keuschnig)

Edgars „Kindermädchen“ ist Almondine, eine treue Hündin, die ihre Lebensaufgabe darin sieht, den Jungen zu begleiten und zu beschützen. Die vierbeinige Heldin […] wird zwar spürbar aufgebaut, indem sie in mehreren Kapiteln selbst zu Wort kommen darf und sehr vermenschlicht über ihre Aufgaben, Pflichten und Geheimnisse philosophiert, die das Haus verbirgt und ihr preisgeben möge – aber dabei bleibt es dann auch. (SB/schattenblick.de)

Edgars Eltern führen nämlich die Hundezucht des Grossvaters fort, der die berühmten „Sawtelle-Hunde“ schuf, eine (imaginäre) Rasse, die dem Menschen einerseits bedingungslos gehorcht, aber andererseits eigenständige Wesen bleibt. Edgar lernt schon früh, mit den Tieren zu kommunizieren und mit ihnen zu arbeiten. Gleichzeitig verzettelt sich der Autor im Hundetraining, dass man schnell so müde davon wird, als hätte man selbst mitapportiert. (Tobias Rüther)

Dann taucht Edgars Onkel Claude auf; zwischen ihm und seinem Bruder kommt es immer wieder zum Streit, bis Edgar seinen Vater eines Tages tot in der Scheune findet. Claude verlässt die Farm, kommt aber später, als Edgars Mutter krank wird, zurück um auszuhelfen. Wroblewski versucht nun einerseits Edgars Parallelwelt der Beschäftigung mit den Hunden zu erzählen und andererseits eine Drohkulisse aufzubauen, die Claude als hinterhältigen Mörder und Erbschleicher aufbauen soll. Die Hinweise sind irgendwann so deutlich, dass es unmöglich nicht stimmen kann. (Gregor Keuschnig)

Dabei macht der Autor auch vor phantastischen Szenen nicht Halt, zum Beispiel, als Edgar einmal während eines Unwetters der Geist seines Vaters erscheint. Wenig später muss der Junge flüchten, begleitet nur von seinen drei treusten Hunden. Spätestens hier zeigt Wroblewskis Konstruktion Risse. Stellt er Edgars Flucht am Anfang noch als Affekt dar, so wird hieraus später eine Art Plan (er möchte nach Kanada zu einer sektenähnlichen Kommune, die im Buch »Starchild Colony« heisst). (Gregor Keuschnig) (Wobei das nicht per se unglaubwürdig ist. So überstürzt wie Edgar davonlief, hatte er unmöglich Zeit, sich vorher zu überlegen, wohin er gehen sollte.) Wenig überzeugend die Erzählungen von Edgar in der »Wildnis« des Chequamegon-Forsts mit den drei teilweise noch verspielten Welpen. So planlos Edgar erscheint, so planlos scheint jetzt auch der Autor zu sein. Manchmal lässt er den Jungen ein bisschen auf Thoreaus Spuren wandeln, dann ist die »Wildnis« wieder bedrohlich. (Gregor Keuschnig)

Als der Junge zurückkehrt, kommt es zu einem klassischen Showdown. Das überraschende und für Romane dieses Genres provokante (allerdings eher nicht überzeugende) Ende hebt den Roman dann vordergründig aus der Trivialliteraturschublade heraus (und das ist natürlich beabsichtigt). (Gregor Keuschnig) War dieses Ende nötig? Ach was, Ende ist Ende. (pasteurisiert.blogspot.com)

Einige Fragen bleiben offen. Warum beispielsweise die beiden Brüder (Edgars Vater Gar und Claude) Verständnisschwierigkeiten haben und warum Claude seinen Bruder sogar umbringt, darüber gibt der sich sonst in so vielen kleinen Nebengeschichten verlierende Plot leider keine Auskunft. (SB/schattenblick.de) Auch wie Edgar seinem Onkel, dem Mörder auf die Schliche kommt, ist, abgesehen von der übersinnlichen Erfahrung, völlig mysteriös. Lernen Schriftsteller sowas nicht? Wenn ich einen Helden in eine verfahrene Situation bringe, aus der er sich nicht mehr befreien kann, dann darf man doch nicht einfach eine gute Fee, Ausserirdische oder ein SWAT-Kommando aus dem Nichts zaubern. Ts, ts, ts! (pasteurisiert.blogspot.com)

Gedanken zu der vom Autor bevorzugten Zeit der 70er Jahre, die doch nicht unproblematisch waren, werden nicht einmal am Rande des Plots thematisiert. Das ist beinahe unverzeihlich und führt dazu, daß nur eine sehr seichte, wenig glaubhafte Erzählung übrig bleibt, die weder ein klassisches Abenteuer in der Wildnis noch einen spannenden Kriminalfall beschreibt. Schon gar nicht finden wir darin das, zu dem der Verlag den Roman hochstilisiert (SB/schattenblick.de): Die Geschichte des Edgar Sawtelle ist ein kluger, lebenspraller Roman über die großen Themen der Literatur: Rache und Schuld, Brudermord und Vaterverlust, Liebe und Hass. Ein zeitloses Epos und eine wahrlich unvergessliche Geschichte über die besondere Freundschaft zwischen einem Jungen und einem Hund. (Klappentext)

Der Autor scheint ein mehr als gesundes Selbstwertgefühl zu haben, findet er doch, er hätte einen neuen, modernen, Hamlet geschrieben – Die Hundezucht ist Edgars Dänemark, die alte Ladenbesitzerin Ida Paine eine der weissagenden Hexen und im Showdown des Romans erblindet der Polizist Glen, der Edgar zum Tod seines Vaters befragen wollte. (Bettina Klamann/schreibfeder.de)und rühmt sich einer lyrischen Sprache. Fast alle Leute im Buch reden so poetisch, am meisten und am liebsten aber der Autor selbst: „Weit weg am fernen Rand der Welt“, so heißt es beim Showdown, als die Scheune der Farm brennt, „antworteten Gewitterwolken mit ihrem Glühen auf den Ruf des Feuers, doch wenn sie herankamen, würden sie nichts anderes zu bieten haben als eine Inspektion der verkohlten, schwelenden Gebeine.“ Nicht immer fabuliert Wroblewski auf den siebenhundert Seiten derart kitschig, aber je länger sein Buch dauert, desto häufiger. […]

Und doch … Zwar windet man sich unter den Stilblüten und der schmonzettigen Naturgeheimniskrämerei, den großen Weltformeln und ungeschickten Schlüsselszenen, aber man legt das Buch doch nur ungern weg. Und letztlich relativiert das wohl alle Einwände, die man gegen David Wroblewskis Buch vorbringen muss. (Tobias Rüther)

In den USA wurde der Roman ein Millionenerfolg, was unter anderem an der Promotion von Oprah Winfrey gelegen haben mag. Vielleicht läßt sich dieser [Erfolg] auch nur im Rahmen der derzeitigen politischen Entwicklungen des amerikanischen Staates verstehen. Angesichts der zunehmenden Krisen dieses Landes und den daraus erwachsenden existenziellen Nöten scheint die ungewöhnliche Furore, die um einen ganz normalen Unterhaltungsroman gemacht wird, durchaus System zu haben. Ein derart unspektakuläres Buch, das selbst die Widersprüche und kritischen Ansätze jener Zeit, in der seine Handlung stattfindet, nicht einmal im Ansatz aufwirft, durch die Medien aufsteigen zu lassen, eignet sich denkbar gut, von den eigentlichen Problemen abzulenken. Eine Handlung, die keine Denkansätze bietet, läßt systemgefährdende Fragen nicht erst aufkommen und bedarf keiner Zensur. (SB/schattenblick.de)

Alles in allem also ein Buch, das, zu Recht, sehr kontrovers diskutiert worden ist. Während es, was die Sprache, die Figurenzeichnung und den Aufbau betrifft, ziemlich überbewertet ist, finden die Schilderungen der Beziehung zwischen Edgar und den Hunden bei einigen Lesern grossen Anklang. Die Hunde sind es denn auch, die einem – vielleicht nebst der grossartigen Landschaft – am meisten, bzw. überhaupt, ans Herz wachsen.