Montag, 26. November 2012

Alte Zeiten



Laxdal Theater Kaiserstuhl

Kaiserstuhl, die kleinste Gemeinde des Kantons Aargau, wenn nicht sogar der ganzen Schweiz, muss man nicht unbedingt gesehen haben. Obwohl, die mittelalterlich angehauchte Stadtansicht ist überhaupt nicht hässlich. Was aber auf jeden Fall einen Besuch lohnt, ist das dort ansässige Laxdal Theater, das mit seinen zirka 50 Plätzen ausgezeichnet in diese Winzigwelt hineinpasst und ausserdem dem Ort den Titel „Kleinste Stadt der Welt mit eigenem Theater“ beschert hat.

Der Gründer Jón Laxdal (1933-2005) war das 12. Kind einer isländischen Fischerfamilie und das einzige, das nicht die Familientradition fortführte. Stattdessen wurde er Schauspieler und eben, Theatergründer. Heute führt seine Frau Katerina Laxdal das Haus in seinem Sinne weiter: «Das Theater soll ganz von der Faszination der Sprache leben und sich nicht auf den moralisierenden Finger abstützen». Pro Jahr werden zwei Stücke produziert, in diesem Herbst „Alte Zeiten“ von Harold Pinter.

Pinter (1933-2008) hat 2005 den Nobelpreis gewonnen. In der Begründung des Komitees heisst es: „Pinter hat in seinen Dramen den Abgrund unter dem alltäglichen Geschwätz freigelegt und ist in den geschlossenen Raum der Unterdrückung eingebrochen“. Wenn man „Alte Zeiten“ gesehen hat, weiss man, was damit gemeint ist. In dem Stück, das bereits 1971 geschreiben wurde, geht es um eine Dreieckskonstellation zweier Frauen und eines Mannes.

Kate (Noëmi Fretz), die mit ihrem Mann Deeley (Krishan Krone) auf dem Land lebt, bekommt Besuch von ihrer Jugendfreundin Anna (Colette Studer), mit der zusammen sie vor zirka 20 Jahren in London gewohnt hat. Während die drei in Erinnerungen kramen, wird für das Publikum bald klar, dass in Wirklichkeit gar nichts klar ist. Zum Beispiel scheint sich die verträumte Kate nicht richtig über den Besuch zu freuen. Und Deeley, so stellt sich heraus, muss Anna schon begegnet sein, aber wie gut haben sie sich gekannt? Anna streitet lange ab, ihn überhaupt zu kennen, doch unverkennbar fühlt sie sich von ihm angezogen. Die Spannung, die sich durch diese Unsicherheiten aufbaut, wirkt verwirrend, wie sich anhand einiger Bemerkungen von Zuschauern in der Pause belegen lässt („Ich habe nichts verstanden.“; „Sehr kompliziert, das alles.“).

Was von Natur aus ein dialoglastiges Stück ist, kommt mit einem wohltuenden Minimum an Requisiten aus. Die durch die meterdicken Natursteinmauern intime Ambiance im Keller des ehemaligen Amtshauses, wo sich das Theater befindet, lassen das Bühnenbild trotzdem nicht karg wirken. Tatsächlich trägt der geschichtsträchtige Raum mit seinem Gewölbe und Mauervorsprüngen einen Teil zum Gelingen des Stücks bei. Auch die akustischen Requisiten sind bemerkenswert: Meeresrauschen im Hintergrund hilft bei der räumlichen Orientierung und die Musik (von Alessandro Hug) wird eingesetzt, um ganz spannende Szenen zu verstärken, oder dies zumindest zu versuchen, denn funktionieren tut es nicht immer.

Und dann ist das Stück fertig, und der Zuschauer ist genau so schlau wie am Anfang. Vom Autor so angelegt, wird dies von den Schauspielern gekonnt umgesetzt. Die Unsicherheit darin, was von dem Gesagten denn nun stimmt, inwiefern die Erinnerungen der drei Protagonisten verlässlich sind, führt dazu, dass das Stück ganz unterschiedlich gedeutet werden kann – und damit viel Diskussionsstoff bietet.

„Alte Zeiten“ steht im Laxdal Theater noch bis Ende Dezember auf dem Programm. Genaue Daten sowie weitere Informationen hier: www.laxdal-theater.ch.