Laxdal Theater Kaiserstuhl
Kaiserstuhl, die kleinste Gemeinde des Kantons Aargau, wenn
nicht sogar der ganzen Schweiz, muss man nicht unbedingt gesehen haben. Obwohl,
die mittelalterlich angehauchte Stadtansicht ist überhaupt nicht hässlich. Was
aber auf jeden Fall einen Besuch lohnt, ist das dort ansässige Laxdal Theater,
das mit seinen zirka 50 Plätzen ausgezeichnet in diese Winzigwelt hineinpasst
und ausserdem dem Ort den Titel „Kleinste Stadt der Welt mit eigenem Theater“
beschert hat.
Der Gründer Jón Laxdal (1933-2005) war das 12. Kind einer
isländischen Fischerfamilie und das einzige, das nicht die Familientradition
fortführte. Stattdessen wurde er Schauspieler und eben, Theatergründer. Heute
führt seine Frau Katerina Laxdal das Haus in seinem Sinne weiter: «Das Theater soll ganz von der Faszination
der Sprache leben und sich nicht auf den moralisierenden Finger abstützen». Pro
Jahr werden zwei Stücke produziert, in diesem Herbst „Alte Zeiten“ von Harold
Pinter.
Pinter (1933-2008) hat 2005 den Nobelpreis gewonnen. In der Begründung des Komitees heisst es: „Pinter hat in seinen Dramen den Abgrund unter dem alltäglichen
Geschwätz freigelegt und ist in den geschlossenen Raum der Unterdrückung
eingebrochen“. Wenn man „Alte Zeiten“ gesehen hat, weiss man, was damit gemeint ist. In dem Stück, das bereits 1971 geschreiben wurde, geht es um eine
Dreieckskonstellation zweier Frauen und eines Mannes.
Kate (Noëmi Fretz), die mit ihrem Mann Deeley (Krishan
Krone) auf dem Land lebt, bekommt Besuch von ihrer Jugendfreundin Anna (Colette
Studer), mit der zusammen sie vor zirka 20 Jahren in London gewohnt hat. Während
die drei in Erinnerungen kramen, wird für das Publikum bald klar, dass in
Wirklichkeit gar nichts klar ist. Zum Beispiel scheint sich die verträumte Kate
nicht richtig über den Besuch zu freuen. Und Deeley, so stellt sich heraus,
muss Anna schon begegnet sein, aber wie gut haben sie sich gekannt? Anna
streitet lange ab, ihn überhaupt zu kennen, doch unverkennbar fühlt sie sich
von ihm angezogen. Die Spannung, die sich durch diese Unsicherheiten aufbaut, wirkt
verwirrend, wie sich anhand einiger Bemerkungen von Zuschauern in der Pause belegen
lässt („Ich habe nichts verstanden.“; „Sehr kompliziert, das alles.“).
Was von Natur aus ein dialoglastiges Stück ist, kommt mit einem
wohltuenden Minimum an Requisiten aus. Die durch die meterdicken
Natursteinmauern intime Ambiance im Keller des ehemaligen Amtshauses, wo sich
das Theater befindet, lassen das Bühnenbild trotzdem nicht karg wirken.
Tatsächlich trägt der geschichtsträchtige Raum mit seinem Gewölbe und
Mauervorsprüngen einen Teil zum Gelingen des Stücks bei. Auch die akustischen
Requisiten sind bemerkenswert: Meeresrauschen im Hintergrund hilft bei der
räumlichen Orientierung und die Musik (von Alessandro Hug) wird eingesetzt, um
ganz spannende Szenen zu verstärken, oder dies zumindest zu versuchen, denn
funktionieren tut es nicht immer.
Und dann ist das Stück fertig, und der Zuschauer ist genau
so schlau wie am Anfang. Vom Autor so angelegt, wird dies von den Schauspielern
gekonnt umgesetzt. Die Unsicherheit darin, was von dem Gesagten denn nun
stimmt, inwiefern die Erinnerungen der drei Protagonisten verlässlich sind,
führt dazu, dass das Stück ganz unterschiedlich gedeutet werden kann – und
damit viel Diskussionsstoff bietet.
„Alte Zeiten“ steht im Laxdal Theater noch bis Ende Dezember
auf dem Programm. Genaue Daten sowie weitere Informationen hier: www.laxdal-theater.ch.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen