Montag, 26. November 2012

Alte Zeiten



Laxdal Theater Kaiserstuhl

Kaiserstuhl, die kleinste Gemeinde des Kantons Aargau, wenn nicht sogar der ganzen Schweiz, muss man nicht unbedingt gesehen haben. Obwohl, die mittelalterlich angehauchte Stadtansicht ist überhaupt nicht hässlich. Was aber auf jeden Fall einen Besuch lohnt, ist das dort ansässige Laxdal Theater, das mit seinen zirka 50 Plätzen ausgezeichnet in diese Winzigwelt hineinpasst und ausserdem dem Ort den Titel „Kleinste Stadt der Welt mit eigenem Theater“ beschert hat.

Der Gründer Jón Laxdal (1933-2005) war das 12. Kind einer isländischen Fischerfamilie und das einzige, das nicht die Familientradition fortführte. Stattdessen wurde er Schauspieler und eben, Theatergründer. Heute führt seine Frau Katerina Laxdal das Haus in seinem Sinne weiter: «Das Theater soll ganz von der Faszination der Sprache leben und sich nicht auf den moralisierenden Finger abstützen». Pro Jahr werden zwei Stücke produziert, in diesem Herbst „Alte Zeiten“ von Harold Pinter.

Pinter (1933-2008) hat 2005 den Nobelpreis gewonnen. In der Begründung des Komitees heisst es: „Pinter hat in seinen Dramen den Abgrund unter dem alltäglichen Geschwätz freigelegt und ist in den geschlossenen Raum der Unterdrückung eingebrochen“. Wenn man „Alte Zeiten“ gesehen hat, weiss man, was damit gemeint ist. In dem Stück, das bereits 1971 geschreiben wurde, geht es um eine Dreieckskonstellation zweier Frauen und eines Mannes.

Kate (Noëmi Fretz), die mit ihrem Mann Deeley (Krishan Krone) auf dem Land lebt, bekommt Besuch von ihrer Jugendfreundin Anna (Colette Studer), mit der zusammen sie vor zirka 20 Jahren in London gewohnt hat. Während die drei in Erinnerungen kramen, wird für das Publikum bald klar, dass in Wirklichkeit gar nichts klar ist. Zum Beispiel scheint sich die verträumte Kate nicht richtig über den Besuch zu freuen. Und Deeley, so stellt sich heraus, muss Anna schon begegnet sein, aber wie gut haben sie sich gekannt? Anna streitet lange ab, ihn überhaupt zu kennen, doch unverkennbar fühlt sie sich von ihm angezogen. Die Spannung, die sich durch diese Unsicherheiten aufbaut, wirkt verwirrend, wie sich anhand einiger Bemerkungen von Zuschauern in der Pause belegen lässt („Ich habe nichts verstanden.“; „Sehr kompliziert, das alles.“).

Was von Natur aus ein dialoglastiges Stück ist, kommt mit einem wohltuenden Minimum an Requisiten aus. Die durch die meterdicken Natursteinmauern intime Ambiance im Keller des ehemaligen Amtshauses, wo sich das Theater befindet, lassen das Bühnenbild trotzdem nicht karg wirken. Tatsächlich trägt der geschichtsträchtige Raum mit seinem Gewölbe und Mauervorsprüngen einen Teil zum Gelingen des Stücks bei. Auch die akustischen Requisiten sind bemerkenswert: Meeresrauschen im Hintergrund hilft bei der räumlichen Orientierung und die Musik (von Alessandro Hug) wird eingesetzt, um ganz spannende Szenen zu verstärken, oder dies zumindest zu versuchen, denn funktionieren tut es nicht immer.

Und dann ist das Stück fertig, und der Zuschauer ist genau so schlau wie am Anfang. Vom Autor so angelegt, wird dies von den Schauspielern gekonnt umgesetzt. Die Unsicherheit darin, was von dem Gesagten denn nun stimmt, inwiefern die Erinnerungen der drei Protagonisten verlässlich sind, führt dazu, dass das Stück ganz unterschiedlich gedeutet werden kann – und damit viel Diskussionsstoff bietet.

„Alte Zeiten“ steht im Laxdal Theater noch bis Ende Dezember auf dem Programm. Genaue Daten sowie weitere Informationen hier: www.laxdal-theater.ch.

Dienstag, 3. Juli 2012

T.C. Boyle – The Tortilla Curtain


The Tortilla Curtain (Originaltitel: América) von T.C. Boyle, 1995 bei Viking, New York, erschienen, ist eine interessante Geschichte. Nicht nur weil sie ein brisantes Thema - illegale Einwanderung - brilliant aufarbeitet. Auch nicht, weil der Autor so virtuos mit Sprache umzugehen weiss. Und auch nicht, weil er es schafft, mit wenigen Kunstgriffen von der ersten bis zur letzten Seite eine unerträgliche Spannung aufrechtzuerhalten. Da ist noch mehr.

Die Geschichte spielt im südlichen Kalifornien und handelt grob gesagt von zwei Paaren, die erst mal nichts miteinander zu tun haben. Auf der einen Seite Delaney und Kyra, ein mittelständisches amerikanisches Ehepaar, er Kolumnenschreiber und Hausmann, sie erfolgreiche Immobilienmaklerin, die mit Kyras Sohn aus erster Ehe in einer reichen Siedlung ausserhalb von Los Angeles wohnen. Auf der anderen Seite Cándido und América, zwei mexikanische Einwanderer auf Arbeitssuche in Erwartung ihres ersten Kindes, die in der Nähe einer vielbefahrenen Strasse in einem Canyon leben. Im Freien. Die beiden Welten berühren sich, als Cándido an selbiger Strasse von Delaney in dessem schicken Auto angefahren und verletzt wird. In abwechselnden Erzählsträngen erzählt der Autor vom Kampf  ums Überleben des illegalen Einwandererpaares – von Vergewaltigung, Ausgeraubtwerden, unmenschlichen Arbeitsbedingungen und dem Kampf des privilegierten Mittelklassepaares und ihresgleichen, mit Zäunen, Mauern, Überwachungskameras, gegen jene, die ihnen ihren Wohlstand streitig machen wollen.

T(om) C(oraghessan) Boyle, 1948 im Staate New York geboren, lebt heute in der Nähe von Santa Barbara. Er besitzt einen B.A. in Englisch und Geschichte der State University of New York sowie einen Doktortitel in englischer Literatur des 19. Jahrhunderts der University von Iowa, wo er auch einen Writers Workshop unter der Leitung von John Irving besuchte. Er hat bis heute über zwanzig Bücher veröffentlicht, beinahe die Hälfte davon Kurzgeschichtensammlungen. Viele davon sind auch in grossen amerikanischen Zeitschriften erschienen. Er hat einige Preise gewonnen, unter anderem für The Tortilla Curtain 1997 den Prix Médicis Étranger für den besten fremdsprachigen Roman.

Das wirklich Interessante an der Geschichte ist das Ende. Dieses ist überaus dramatisch, fast schon weltuntergangsmässig. Wie viele andere amerikanische Autoren scheint Boyle eine Vorliebe für grossen Showdown zu haben. Angesichts der Tatsache, dass Amerika zur Zeit das mächtigste Land der Erde ist, ist das keine sehr beruhigende Feststellung.

Mittwoch, 23. Mai 2012

Der Goldene Windbeutel


Seit 2009 wird von Foodwatch jährlich der Goldene Windbeutel für besonders dreiste Werbelügen vergeben. Der Gewinner wird vom Internetpublikum auf dieser Seite gekürt. Das heisst, hurra, jeder kann mitmachen. Noch bis zum 18. Juni 2012 können Sie darüber abstimmen, was Sie für die grösste Werbelüge halten. Dazu müssen Sie sich allerdings zwischen den folgenden fünf vorgeschlagenen Kandidaten entscheiden: Becel pro.aktiv von Unilever (eine Margarine, die laut Hersteller dem Herz nutzt, tatsächlich aber fragwürdige Pflanzensterine enthält), Landlust Mirabelle & Birne von Teekanne (ein Tee, der kein bisschen Mirabelle enthält, obwohl der Hersteller mit „ursprünglichem Genuss vertrauter Früchte“ wirbt und sogar auf der Packung welche abgebildet sind), Viva Vital Hackfleischzubereitung von Netto (das mit Wasser und Weizen gestreckt ist, dafür als fettarm angepriesen wird – und 30 % mehr kostet als gewöhnliches Hackfleisch), Clausthaler Classic von Radeberger („alkoholfreies“ Bier, das jedoch 0,45 % Alkohol enthält) und Instant-Früchtetees von HiPP („besonders geeignet für Kleinkinder ab dem 12. Monat“, obwohl sie pro Tasse zweieinhalb Würfelzucker enthalten). 

Aber halt, heisst das, es gibt in punkto Werbelügen nur diese fünf Produkte zu bemängeln? Na dann ist ja gut. 

Nebenbei würde uns interessieren, ob der Goldene Windbeutel auch wirklich aus purem Gold ist.

Samstag, 5. Mai 2012


Mosquita y Mari

Aurora Guerrero/USA 2011/85’

Es geht um zwei 15-jährige Latinas, die in Huntington Park, einem Stadtteil von L.A. aufwachsen. Yolanda („Mosquita“) spürt die Erwartungen ihrer Eltern, die für eine gesicherte Zukunft der Tochter alles andere unterordnen. Mari hilft ihrer alleinerziehenden Mutter mit Gelegenheitsjobs, irgendwie über die Runden zu kommen. Als sie mit ihrer Familie gegenüber Yolandas Elternhaus einzieht und in deren Klasse kommt, bietet diese ihr an, mit ihr zu lernen, um den verpassten Stoff nachzuholen. Es beginnt zwichen den beiden eine Beziehung, die bald mehr als nur Freundschaft ist. Während Yolanda feststellt, dass Lernen und gute Noten nicht alles sind im Leben, vernachlässigt Mari für die Freundin ihren Job, worauf die dadurch entstehenden Schwierigkeiten wiederum die Beziehung auf die Probe stellen. Schlussendlich müssen sie sich entscheiden, dem Druck der Umgebung nachzugeben oder sich selbst zu bleiben.

Mit Mosquita y Mari war Aurora Guerrero die erste „Chicana“-Filmemacherin (d.h. mexikanischer Abstammung), die als ehemaliges Mitglied des Sundance Institute und der Ford Foundation mit einem Spielfilmerstling am Sundance Film Festival teilnahm. 2005 hatte sie dort mit einem Kurzfilm (Pura Lengua) teilgenommen. Mit ihrem zweiten Kurzfilm (Viernes Girl) gewann sie, ebenfalls 2005, am HBO/New York International Latino Film Festival den Kurzfilmwettbewerb.

Mosquita y Mari ist ein künstlerisch ausgewogener, sorgfältig gestalteter Film. Das Tempo und der Rhythmus sind angenehm, die Charaktere der beiden Mädchen – die behütete, gewissenhafte Yoli und die eigenwillige, temperamentvolle Mari) werden nicht nur visuell, sondern auch mit geschickt platzierten Wiederholungen, Andeutungen und Symbolen herausgearbeitet. Nicht zuletzt ist die schauspielerische Leistung der vorwiegend Laienschauspieler und -schauspielerinnen hervorzuheben, vor allem der Hauptdarstellerinnen (Fenessa Pineda als Yolanda und Venecia Troncoso als Mari), die verschiedentlich allein mit einem Gesichtsausdruck eine ganze Geschichte zu erzählen vermögen.

Mosquita y Mari wird am Pink Apple Festival 2012 (Arthouse Movie, Zürich, Sa, 05.05., 18:45 Uhr und Mo, 07.05., 20.45 Uhr sowie Cinema Luna, Frauenfeld, 12.05. 20:00 Uhr) und an den Freiburger Lesbenfilmtagen (Kommunales Kino, Urachstr. 40, 79102 Freiburg i.Br., 18.05., 17:30 Uhr) gezeigt. Zudem kann der Film unter www.mosquitaymari.com als DVD bestellt werden.

Freitag, 4. Mai 2012

Nebelgrind

Barbara Kulcsar/Schweiz 2012/94’

Am Sonntagabend um 20:00 Uhr sendet das Schweizer Fernsehen SF1 jeweils einen Schweizer Spielfilm (ausser wenn es mal keinen sendet, was durchaus vorkommt). Man sollte sich diese Zeit als festen Termin reservieren, denn, vielleicht entgegen ihrem Ruf, ist die Schweizer Filmszene lebendig und bringt immer wieder absolut sehenswerte Streifen hervor. „Nebelgrind“, der am 15.04.2012 lief, ist so einer.

Auf einem etwas abseits gelegenen Bauernhof lebt eine Drei-Generationen-Familie friedlich vor sich hin. Karli, der Grossvater, ist jedoch an Alzheimer erkrankt, was vorerst nur Fränzi, der Schwiegertochter auffällt, da sie es ist, die jede Nacht von ihm gerufen wird, um das Radio einzuschalten und an seinem Bett zu sitzen, bis er wieder eingeschlafen ist, die ihn wäscht und anzieht, kurzum, ihn betreut. Ihr Mann kann den Ernst der Lage nicht erkennen und ist der Meinung, die Unzulänglichkeiten seines Vaters seien normale Alterserscheinungen und „das bisschen Pflege“ müsse doch drin liegen. Schliesslich kommt es zum Eklat, als Karli Fränzi für Stunden im Speicher einschliesst. Sie verlässt den Hof mit der Ankündigung, in zwei Wochen wieder zurück zu sein. Ihr Mann ist zunächst hoffnungslos überfordert, erkennt jedoch immer mehr, was mit seinem Vater wirklich los ist.  

Alzheimer ist eine Demenzerkrankung, die durch einen fortlaufenden Verfall von Nerven- und Nervenkontaktzellen gekennzeichnet ist, was zu Orientierungs- und Gedächtnisstörungen sowie einer zunehmenden Beeinträchtigung des Denk- und Urteilsvermögens mitsamt den damit verbundenen körperlichen Problemen (z.B. Feinmotorik) führt. In den westlichen Industrienationen sind statistisch gesehen rund 2 % der 65-Jährigen und rund 20 % der 85-Jährigen davon betroffen. 

Das Drehbuch zu „Nebelgrind“ (was für ein bezeichnender Titel!) wurde von den beiden Autorinnen Josy Meier und Eveline Stähelin verfasst, die zuletzt zusammen jenes zu „Heldin der Lüfte“ geschrieben hatten. Peter Freiburghaus, der sehr überzeugend den Grossvater spielt, ist sonst von seinen Bühnenauftritten mit dem Duo Fischbach bekannt. Sein Sohn wird von Martin Rapold dargestellt, der schon bei früheren Gelegenheiten einen Bauern spielte („Lücken im Gesetz“ und „Oeschenen“). 

Die Regisseurin Barbara Kulcsar, Jahrgang 1971, hat vor zwei Jahren für ihren Erstling „Zu zweit“ den Zürcher Filmpreis gewonnen. Sie ist schweizer-ungarische Doppelbürgerin und hat unter anderem an der HGKZ (Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich) im Bereich Film/Video studiert.

„Nebelgrind“ kann für Fr. 22.90 beim Schweizer Fernsehen als DVD bestellt werden.

Montag, 16. April 2012

William Golding - The Paper Men


faber and faber, 1984
Deutsch von Emil Bastuk; Bertelsmann, 1984

Ein alternder, trinkender Schriftsteller (Barclay), Ehe zerrüttet, dem Leben hinterherhechelnd, und ein junger Professor (Tucker), der es sich in den Kopf gesetzt hat, dessen Biografie zu schreiben. (Übrigens: Wie kommt es eigentlich, dass in so vielen Büchern die Protagonisten irgendeine Art Schriftsteller oder Journalisten sind, allenfalls Maler oder sonstige Künstler? Muss man daraus schliessen, dass die Phantasie von Autoren nicht weiter reicht, als ihr eigenes Umfeld abzubilden?) Um Tucker, der wild entschlossen ist, seine Notizen zu bekommen, abzuhängen, flüchtet der Protagonist durch halb Europa – unter anderem steigt er zwei Mal in einem Hotel in den Schweizer Bergen ab – gibt dabei Beziehungen preis und lässt dieses Versteckspiel beinahe zu seinem Lebenszweck werden. Tuckers Opfer sind nicht geringer, verspielt er doch seine taufrische Ehe und lässt sich bis ins Groteske erniedrigen. 

Ein Jahr vor Erscheinen dieses Buches hatte William Golding (1911-1993), der aus Cornwall stammte und vor allem mit „Lord of the Flies“ („Herr der Fliegen“) bekannt wurde, den Nobelpreis erhalten. Man kann also davon ausgehen, dass er damit gerechnet haben muss, dass dieses Buch Dank seiner Berühmtheit auch von Menschen ausserhalb des englischsprachigen Raums gelesen, ja sogar in andere Sprachen, zum Beispiel ins Deutsche, übersetzt werden würde, dass also Menschen sein Buch lesen würden, die an den Orten leben, an denen der Hauptdarsteller sich aufhält. Was er anscheinend nicht bedacht hat, ist, wie lächerlich seine erfundenen Ortsnamen in Schweizer Ohren klingen – oder es war ihm egal – und wie seine Verwendung von, noch dazu falschen, Klischees auf solche Leser wirken könnten. „Schwillen“ (liegt angeblich am Zürichsee) oder Hotel „Weisswald“ klingen zwar mit etwas Grosszügigkeit plausibel, doch die Schweizer mit Lederhosen in Verbindung zu bringen, ist wirklich unverzeihlich. Natürlich kann man einwenden, literarische Freiheit und so, und ein britischer oder amerikanischer Leser wird mit Sicherheit darüber hinweglesen, sich höchstens noch in seinen ebenfalls falschen Vorstellungen bestätigt fühlen, doch irgendwie hat man in ein paar Szenen das Gefühl, es fehle nur noch die Kuckucksuhr, um das Desaster perfekt zu machen.

Das sind jedoch Spitzfindigkeiten, denn sonst kann man Golding nichts vorwerfen. Der Plot ist gut konstruiert, trotz spärlichen Geschehens sogar relativ spannend und die Sprache gehaltvoll. Oder mit anderen Worten: Ein würdiger Nobelpreisträger, dieser William Golding.

Dienstag, 13. März 2012

Karen Salmansohn – How to Succeed in Business without a Penis

Secrets and Strategies for the Working Woman
Harmony Books/1996

Es gibt Bücher, die sollte man im Original lesen. Nicht weil man dem Übersetzer mangelhafte Fähigkeiten vorwerfen wollte, sondern einzig und allein, weil die Autorin so virtuos mit der Sprache umgeht, Bilder erzeugt und mit rhetorischen Figuren jongliert, dass diese unmöglich adäquat in eine Fremdsprache übersetzt werden können. „How to Succeed in Business without a Penis“ ist so ein Buch. 

Wie es der Untertitel schon sagt, geht es darum, wie man sich als Frau in der Berufs- und Geschäftswelt behauptet. Tatsächlich bekommt die Leserin eine Menge (ziemlich wild zusammengewürfelter) Tipps, die allerdings weder neu noch besonders originell sind und grundsätzlich in wenigen Worten zusammengefasst werden können: sich auf seine weiblichen Stärken besinnen – die Fähigkeit zuzuhören, zu kommunizieren, sich schön zu „verpacken“ – und gleichzeitig seine weiblichen Schwächen ausmerzen – die (falsche) Bescheidenheit, den Hang zur Selbsterniedrigung, die Tendenz, eher zurück- als nach vorne zu schauen.

Soweit also ein ganz gewöhnliches Selbsthilfebuch, das keinesfalls so wichtig ist, dass wir ohne es nicht beruflich weiterkommen könnten. Wie jedoch die Autorin diese nicht so wichtigen Informationen an die Frau bringt, ist grosse Unterhaltung. Es gibt kaum eine Seite, auf der sie nicht mindestens einmal die Sprache so verbiegt, dass wir entweder laut herauslachen müssen oder zumindest ins Staunen kommen, was mit Buchstabenverdrehern, Montagetechniken und Anspielungen, um nur einige der rhetorischen Stilmittel ihres Repertoires zu nennen, überhaupt alles möglich ist: „Women are worriers. Men are warriors.”; “Many men are intimidated by women who have made it instead of mated.”; “Many girls don’t have upbringings but ‘downbringings’.”

Da wundert es einen auch nicht zu erfahren, dass Salmansohn früher in der Werbebranche arbeitete – und übrigens ihre dortige erfolgreiche Karriere aufgegeben hat, um zu schreiben, was sie, der Anzahl ihrer veröffentlichten Bücher (29) und der hohen Verkaufszahlen (Milliionen) nach zu urteilen, ebenfalls erfolgreich tut. In den meisten ihrer Bücher geht es um frauenspezifische Themen, was aber nicht heisst, dass sie nicht auch von Männern gelesen werden, und sei es nur, um die „Konkurrenz“ zu studieren. (Dies soll besonders auf ihr Buch „How to make your man behave in 21 days or less using the secrets of professional dog trainers” zugetroffen haben.)

Tatsächlich ist es jedoch manchmal fast zuviel des Guten, was uns da geboten wird. Es kommt der Punkt, wo diese ewige Lustigkeit ermüdend wirkt und man gerne – wie zu einem überdrehten Kind – sagen möchte: „Ist gut, Karen, wir wissen jetzt, was du alles drauf hast. Werde jetzt wieder normal.“ Dabei sagt sie es an einer Stelle selbst, und zwar im Kapitel „Believing in a Laughter Life“ (!): „Humor might be good medicine, but REMEMBER … there are warnings on most medicine bottle labels.“ Man soll also mit Humor nicht übertreiben – vor allem auch, weil man sonst irgendwann nicht mehr ernst genommen wird.

Wo sie sich ebenfalls weit vorwagt, ist mit Äusserungen, die, obwohl sprachlich hervorragend in ihrer Originalität, sich scharf an der Schwelle zum Ordinären bewegen, wie “Too many women are being screwed at the office and not at home.” Man wird den Verdacht nicht los, dass der Autorin hier ihr früheres Leben in die Quere kommt, in dem sie gelernt hat, dass man, wenn man etwas verkaufen will, nicht nur um jeden Preis auffallen sondern auch ein paar weitere wichtige Regeln beherzigen muss wie „Sex sells“.

Das Buch bringt einen nicht nur zum Lachen, sondern birgt auch anderweitig viel Wohlfühlpotential, denn es zeigt uns, wie viel möglich wäre, wenn wir wollten (d.h. wenn wir den inneren Schweinehund besiegen könnten), zwingt uns aber zum Glück nicht dazu, tatsächlich etwas in dieser Richtung zu unternehmen, sondern lässt es bei der Unterhaltung bleiben. Somit ist es auch ein gutes Beispiel dafür, wie man als Autorin aus wenig (Inhalt) viel (Geld) machen kann und zeigt ausserdem sehr schön, dass eben Selbsthilfebücher vor allem einer Person helfen, nämlich der Autorin.

Wer auf die Original-Rhetorik verzichten will oder muss, kann sich die deutsche Ausgabe unter dem Titel „Erfolgreich ohne Penis. Strategien und Geheimnisse für Karrierefrauen“ beschaffen, die von Hildegard Cisar und Michael Troy übersetzt worden und 1997 beim Signum-Verlag erschienen ist.

Sonntag, 12. Februar 2012

Alles Schall und Rauch

Ein Blog
http://alles-schallundrauch.blogspot.com/

Darf man das? Texte mit zwar erstklassigem Inhalt, aber zweifelhafter Grammatik und manchmal haarsträubendem Stil online stellen? Die Allgemeinheit, einschliesslich hin und wieder seine Leser, als „Schlafschafe“ beschimpfen, während man selbst unter einem Pseudonym schreibt? Staatsmänner und -frauen und andere wichtige Personen oder Institutionen mit beleidigenden Spitznamen versehen, wie den französischen Premier mit Nicolas „Sarkotzy“, den ehemaligen Chef der Schweizerischen Nationalbank mit Philipp „Hirnverbrannt“, die Deutsche Bank mit „Täusche Bank“ und überhaupt die Machenschaften der sogenannten Elite schonungslos aufdecken? 

„Freeman“, der Autor von „Alles Schall und Rauch“, fragt nicht lange, sondern tut es einfach. Und der Erfolg gibt ihm Recht: Seit 2007, als er seinen ersten Beitrag geschrieben hat, hat seine Seite laut eigenen Angaben mehr als 60 Millionen Zugriffe verzeichnet; das sind im Schnitt 37'500 pro Tag. Damit ist er punkto Leserzahlen, zumindest im deutschsprachigen Raum, weit vorne mit dabei – was erstaunlich ist angesichts der Tatsache, dass Seiten wie www.esowatch.com kein gutes Haar an ihm (der angeblich mit bürgerlichem Namen Manfred Petritsch heisst und von der Schweiz aus operiert) lassen und ihn gar als Verschwörungstheoretiker abtun. Unter den sogenannten Wahrheitssuchenden ist dieser Blog längst Kult.

Aber worum geht es? Was auf den ersten Blick wie eine Mischung aus einem Politthriller und dem unkontrollierten Erguss eines Wutbürgers erscheint, erweist sich bei näherem Hinsehen als offensichtlich gut recherchierte Berichte und fundierte Kommentare zum täglichen Welt-/Politgeschehen. Freemans Lieblingsthemen sind 9/11 (der Anschlag auf die Twin-Towers von New York) und in diesem Zusammenhang die Kriege der USA/NATO gegen ölfördernde Länder im Nahen Osten; die Neue Weltordnung (NWO), die auf dem besten Weg ist, installiert zu werden und damit die Bilderberger, der Einfluss der (globalisierten) Wirtschaft und der Banken sowie die aktuelle Finanzkrise; und nicht zuletzt das seltsame Konstrukt der EU, in dem die Schweiz faktisch als Passivmitglied mit drin hängt und das laut Freeman von den Bilderbergern als Machtinstrument benützt wird. Die Mainstream-Medien mit ihrer Propaganda vergleicht er gern mit der Propaganda der ehemaligen UdSSR und spricht analog von der EU als EUdSSR.

Was da steht, ist deprimierend und hinterlässt ein mulmiges Gefühl. Wollen wir das wirklich wissen? Dass 9/11 von den USA selbst inszeniert wurde, um einen Grund zu haben, Afghanistan anzugreifen? Dass wir nicht von Politikern regiert werden, wie wir geglaubt haben, sondern von Novartis, Nestle und der Nationalbank, bei denen wiederum noch mächtigere Mächte die Finger im Spiel haben? Wir wünschten uns, der Autor täuschte sich und seine düsteren Voraussagen seien falsch. Nur wenige Mausklicke entfernt wäre Blick online mit seinen lebensnotwendigen Meldungen über Stars mit Busenvergrösserungen oder (ach, du Schande!) unsauber rasierten Achselhöhlen. Als Alternative könnten wir, um ein beliebtes Klischee zu verwenden, auch weiterhin Chips essend auf dem Sofa sitzen und uns von Talk-Shows und Supertalenten geistig zumüllen lassen. Doch wenn wir standhaft bleiben und weiterlesen, fangen wir eventuell an selber zu denken, Freemans erklärtes Ziel, und stellen fest, dass seine Argumentation, soweit von einem Laien beurteilbar, durchaus Hand und Fuss hat. Paradoxerweise unterstützt der ungeschliffene Schreibstil eher noch Freemans Glaubwürdigkeit, denn wie könnte jemand, der so frei von der Leber weg schreibt, dass in seinem Eifer die Rechtschreibung, Zeichensetzung und Satzstellung einfach zu kurz kommen, die Unwahrheit sagen? 

Regelmässiges Lesen von „Schall und Rauch“ kann dazu führen, dass Sie NZZ, Tagi und Weltwoche (die sowieso!) mit ganz anderen Augen lesen und sich bei jedem Artikel fragen, wer ein Interesse haben könnte, Ihnen das, was da steht, glauben zu machen. Nicht immer muss eine Manipulation dahinterstecken, doch die Meldungen in sogenannten etablierten Medien mal zu hinterfragen, kann bestimmt nicht schaden.
Freemans ruppige Art verzeiht man ihm gerne, gibt er doch nebenbei grosszügig Tipps ab, die sich unter Umständen als sehr wertvoll erweisen können. Zum Beispiel hat er vor drei Jahren, als es mit der Finanzkrise so richtig losging, seinen Lesern geraten, ihr Vermögen in Gold oder anderen Edelmetallen anzulegen, da er den Mechanismus der Schuldenpolitik längst durchschaut (und selbstverständlich schlüssig erklärt) und die damit einhergehende Geldentwertung vorausgesehen hatte. Tatsächlich ist der Goldkurs seither fast auf das Doppelte gestiegen. Weiter empfiehlt er seit Jahren, lokale Netzwerke zu pflegen und soweit im Einzelnen möglich, auf Selbstversorgung umzustellen. Und nun zeigt es sich immer mehr, dass bald von Glück sagen kann, wer ein kleines Grundstück besitzt, auf dem er, sollte es zum Schlimmsten kommen, seine eigenen Kartoffeln anpflanzen kann. 

Natürlich kann sich auch Freeman in gewissen Punkten irren, doch für einen Leser, der nicht alles blind übernimmt, sondern sich selbst ein Urteil bildet, ist der Nutzen des Blogs weit grösser als es ein Schaden je sein könnte. „Schall und Rauch“ sollte für jeden Bürger Pflichtlektüre sein.

Freitag, 3. Februar 2012

Maile Meloy – Tochter einer Familie

(Original: A Family Daughter)
Kein & Aber/2010
Übersetzung aus dem Englischen: Ursula-Maria Mössner

Die 7-jährige Abby, deren ewig unzufriedene Mutter Clarissa gerade für einen Selbstfindungsversuch nach Hawaii geflogen ist, verbringt den Sommer bei ihrer Grossmutter, als sie an Windpocken erkrankt und zum Trost von ihrem Onkel Jamie mit Strandausflügen und Spielen abgelenkt wird. Dreizehn Jahre später, als Abby infolge des Unfalltodes ihres Vaters, an dem sie sich schuldig fühlt, am Boden zerstört ist, kommt Jamie zu Besuch, um sie aufzumuntern – und bleibt. Sie werden intim miteinander. Dies hat weitreichende Konsequenzen, denn bei der Verarbeitung ihrer Schuldgefühle stossen sie auf unerwartete Familiengeheimnisse (Abby wird einen Roman darüber schreiben), die die vermeintliche Vorzeigefamilie immer mehr entlarvt, bis sie sich am Schluss mit ihren Träumen, Hoffnungen und Begehrlichkeiten als überdurchschnittlich durchschnittlich herausstellt.

Der Plot mag nicht besonders originell sein, doch bis auf wenige etwas plumpe Stellen ist er geschickt konstruiert. Die zum Teil heiklen Themen wie der Inzest werden aber eher oberflächlich abgetan, noch dazu bekommen wir von der amerikanischen Gesellschaft ein Bild, das uns in unseren Klischees nur bestätigt: prüde, bigott, pathetisch. Warum man das Buch trotzdem fertig liest, liegt an der Kombination eines spannenden, temporeichen Schreibstils mit einer schnörkellosen, zweckmässigen Sprache. Ungewöhnliche Bilder muss man zwar lange suchen, doch umso angenehmer überrascht ist man, wenn man auf eines stösst: „…und dann half er Abby am Strand in den kleinen Wellen herumzuhüpfen.“ Trotz, oder vielleicht wegen, ihrer unauffälligen Sprache gehört Meloy zudem nicht zu den zahlreichen, selbst namhaften, Schriftstellern, die an erotischen Szenen scheitern – diejenige, wo Abby und Jamie sich zum ersten Mal verführen, ist gar hervorragend: „Er hob das T-Shirt auf und roch daran. Es roch nach gebratenen Süsskartoffeln und Abbys Mintseife. Er warf es in den Wäschekorb. Die Ringe des Duschvorhangs rasselten über die Stange, und das Geräusch des Wassers, das nun auf Abbys Körper traf statt auf die Wanne, änderte sich.“

Obwohl die Figuren alle in ähnlichem Masse problembeladen scheinen – tatsächlich sind die gelegentlichen dezent humorvollen Stellen eine Wohltat – wirken sie authentisch. Die Perspektive wechselt allerdings zu wild hin und her; die Autorin scheint nicht die Grenze ziehen zu können zwischen Haupt- und Nebenfiguren. Dadurch, dass wir im Laufe des Romans praktisch in alle Beteiligten hineinsehen, geht ihm etwas die Mitte verloren. ‚Worum geht’s jetzt wirklich? Und wer ist jetzt wirklich die Hauptperson?’ fragt man sich am Schluss beinahe.

Maile Meloy hat Jahrgang 1972 und wohnt in Kalifornien. Auf Deutsch erhältlich sind von ihr auch der Roman „Lügner und Heilige“ (Kein&Aber, 2011) sowie „Das Haus am Ende der Welt“, eine Kurzgeschichtensammlung (Goldmann, 2004).

Sonntag, 22. Januar 2012

Angelika Fischer – Das grosse Rohkost-Buch

Grundlagen und Praxisanleitungen für eine erfolgreiche Ernährungsumstellung
Windpferd/2011

Mit 480 Seiten, einem Gewicht von 1,5 Kilo und einem Beinahe-A4-Format handelt es sich tatsächlich um ein grosses Buch. Angelika Fischer, einer Ingenieurin in Umwelt und Biochemie, die dank Rohkost-Ernährung ihre Neurodermitis und andere chronische Krankheiten geheilt hat, ist es offenbar ein Anliegen, mit dem „grossen Rohkost-Buch“ angehenden Rohköstlern einen Weg zur reibungslosen Ernährungsumstellung aufzuzeigen.

Dass das Rohkostverständnis der Autorin teilweise stark von dem anderer Rohkostvertreter abweicht ist zwar manchmal erfrischend. Doch in einem Buch, das sich als „Das grosse Rohkost-Buch“ bezeichnet, hätte man sich gewünscht, dass die Ansichten der Autorin mit den wichtigsten der bereits bestehenden zumindest in Beziehung gesetzt worden wären – oder dass ansonsten ein anderer Titel gewählt worden wäre.

Fischer geht davon aus, dass wir, um uns, besonders als Rohköstler, ausgewogen zu ernähren, die verschiedenen Pflanzenfamilien und ihre hauptsächlichen Inhaltsstoffe kennen müssen. So befasst sich denn auch der Hauptteil des Werkes damit, uns diese Pflanzengruppen und ihre wichtigsten Bestandteile vorzustellen. Eine nicht zu überlesende Botschaft des Buches ist aber auch, dass und wie wir unsere Sinne, insbesondere den Geruchs- und Geschmackssinn, dazu benutzen sollen, um die Qualität von pflanzlichen und tierischen Nahrungsmitteln zu erkennen bzw. deren Inhaltsstoffe festzustellen. Die Lebensmittelpyramide für Rohköstler teilt unsere Nahrung in häufig, jahreszeitenabhängig und selten oder nach Bedarf zu konsumierende Pflanzengruppen ein. Das Buch ist auf Qualitätspapier gedruckt und mit vielen schönen Farbfotos und bunten Tabellen und Abbildungen angereichert.

Es stellt sich jedoch die Frage, ob die Komplexität des Themas nicht das Zielpublikum verfehlt. Als Motivator, um auf die Rohkost umzusteigen, ist das Buch wegen seiner grösstenteils sehr technischen Ausführungen wenig geeignet (ganz im Gegensatz beispielsweise zu Wandmakers „Rohkost statt Feuerkost“ oder anderen weniger wissenschaftlich geschriebenen Einführungen in die Rohkost-Ernährung). Die meisten Neo-Rohköstler kümmern sich erst mal überhaupt nicht um die Zusammensetzung ihrer Nahrung, zu einschneidend – meistens im positiven Sinne – sind die Veränderungen im Wohlbefinden, die sich durch diese Ernährungsumstellung ergeben. Erst wenn sich durch eine zu einseitige Ernährung oder durch Altlasten Mangelerscheinungen einstellen, fangen die meisten an, sich näher mit der Theorie zu befassen. So gesehen ist „Das grosse Rohkost-Buch“ eher für bis zu einem gewissen Grad erfahrene Rohköstler geeignet, die vielleicht trotz Problemen diesen Weg weiter gehen wollen.

Daneben ist es zweifelhaft, ob es überhaupt nötig ist, sich ein so detailliertes theoretisches Wissen anzueignen, um mit der Rohkost klarzukommen. Das Geruchs- und Geschmacksempfinden in die Ernährungsauswahl einzubeziehen ist bestimmt ein „sinn“-voller Weg, doch gerade deshalb müsste man doch davon ausgehen, dass es für einen Rohköstler reicht, instinktiv zu erriechen und erschmecken, woran er Bedarf hat. Wenn man nämlich ins Tierreich blickt, stellt man fest, dass kein Tier irgendwelche Bücher lesen muss, um zu wissen, welche Nahrung für es gut ist. Im Übrigen spielt dabei auch das Angebot eine Rolle, was bei näherer Betrachtung ein weiterer Makel im „grossen Rohkost-Buch“ ist. Erstens nützt all das theoretische Wissen über Pflanzenfamilien zunächst gar nichts, wenn man sich nicht mit Wildpflanzen schon auskennt. Es ist, als ob wir laufen sollten, bevor wir überhaupt stehen gelernt haben. Ganz abgesehen davon, dass nicht jeder einen eigenen Garten besitzt, wo er, wie anscheinend Frau Fischer, nach Lust und Laune Kräuter anpflanzen kann. Und zweitens sind sehr viele der erwähnten Pflanzen nicht bei uns heimisch – die Rede ist nicht von Bananen, Orangen und Co., die es in jedem Supermarkt zu kaufen gibt, sondern von beispielsweise Safus, Durian oder Cassia. Diese werden angepriesen, als seien sie ohne weiteres für jedermann erhältlich und erschwinglich. Dem ist natürlich nicht so. Genauso wie der ökologische Aspekt dieses Exotentourismus völlig ignoriert wird. Es mutet reichlich schizophren an, wenn sich ein Rohköstler auf Natürlichkeit beruft, um seine Ernährungsweise zu rechtfertigen, sich aber gleichzeitig den Luxus gönnt, sich regelmässig Tropenfrüchte von spezialisierten Versandfirmen nach Hause schicken zu lassen.

Sprachlich hat man den Eindruck, das Buch sei überhaupt nicht oder zumindest sehr schlampig lektoriert worden, was schade ist bei dem insgesamt doch gehaltvollen Thema und der grossen Arbeit, die dahinter steckt, den in vielerlei Hinsicht wertvollen Inhalt aufzubereiten. Ein Lektorat hätte bestimmt auch einige der inhaltlichen Fehler entdeckt, wie z.B. dass Orangen sowohl bei den Früchten, die nachreifen, als auch bei jenen, die nur an der Mutterpflanze ausreifen, aufgeführt sind. Und nicht zuletzt hätte ein Lektorat „durchaus“ verhindern können, dass dem Leser schon nach wenigen Seiten auffällt, welches das Lieblingswort der Autorin ist, kommt das „durchaus“ praktische und vielseitige Adverb doch so häufig vor, dass es zuweilen „durchaus“ störend wirkt.

Dienstag, 10. Januar 2012

David Wroblewski - Die Geschichte des Edgar Sawtelle

Deutsche Verlags-Anstalt, 2009
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Barbara Heller und Rudolf Hermstein

Er hatte gehofft, einen Roman zu finden, der das, was wir über hündisches Verhalten, Wahrnehmungsvermögen und Abstammung wüssten, mit dem verbände, was er selbst in seinen Erfahrungen mit Hunden gelernt hatte, sagt Wroblewski. Dazu musste er weit zurückgehen, bis zu Jack Londons „Der Ruf der Wildnis“ oder Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“. Dann kam ihm die Idee für eine Geschichte, die er neben seiner Tätigkeit als Software-Entwickler in mehr als zehn Jahren niederschrieb und schliesslich – mit fünfzig – als Erstlingswerk veröffentlichte, „Die Geschichte des Edgar Sawtelle“, die einige Parallelen zu seiner eigenen Kindheit aufweist.

Der von Geburt an stumme (aber nicht taube) Edgar Sawtelle wächst auf einer Farm im Mittleren Westen auf. So erwartet der Leser leicht angekitscht und atmosphärisch ein bisschen an die gute alte »Waltons«-Familie erinnert eine müde plätschernde Lebensgeschichte. […] Zumal Wroblewski der Versuchung vordergründig widersteht, die Stummheit des Jungen erzählerisch zu emotionalisieren (tatsächlich schwingt natürlich eine exotische Komponente mit, die jedoch nur zwischen den Zeilen anklingt, weil sie wohl mit dem amerikanischen Political-Correctness-Zwang ansonsten kaum vereinbar wäre). (Gregor Keuschnig/begleitschreiben.net)

Um sich verständlich zu machen, benutzt der Junge die Hände. Sein Nachname ist also selbstredend: Sawtelle, eine Mischung aus Sehen und Reden. Damit fängt es schon an, gleich auf dem Umschlag: Dieses störende Gefühl, auf jeder Seite des Romans könnte selbst das Nebensächlichste immer noch mehr bedeuten. (Tobias Rüther/FAZ) Nahezu jedes Ereignis wird entweder durch ein Zeichen eingeleitet oder bekommt auf einer zweiten Ebene eine Symbolik zugewiesen, die jedoch letztlich nur für sich steht und mit dem weiteren Verlauf der Ereignisse nichts oder kaum etwas zu tun hat. Überall gibt es diese Spuren, die nach Interpretation geradezu verlangen, aber oft genug ins Leere verlaufen. (Gregor Keuschnig)

Edgars „Kindermädchen“ ist Almondine, eine treue Hündin, die ihre Lebensaufgabe darin sieht, den Jungen zu begleiten und zu beschützen. Die vierbeinige Heldin […] wird zwar spürbar aufgebaut, indem sie in mehreren Kapiteln selbst zu Wort kommen darf und sehr vermenschlicht über ihre Aufgaben, Pflichten und Geheimnisse philosophiert, die das Haus verbirgt und ihr preisgeben möge – aber dabei bleibt es dann auch. (SB/schattenblick.de)

Edgars Eltern führen nämlich die Hundezucht des Grossvaters fort, der die berühmten „Sawtelle-Hunde“ schuf, eine (imaginäre) Rasse, die dem Menschen einerseits bedingungslos gehorcht, aber andererseits eigenständige Wesen bleibt. Edgar lernt schon früh, mit den Tieren zu kommunizieren und mit ihnen zu arbeiten. Gleichzeitig verzettelt sich der Autor im Hundetraining, dass man schnell so müde davon wird, als hätte man selbst mitapportiert. (Tobias Rüther)

Dann taucht Edgars Onkel Claude auf; zwischen ihm und seinem Bruder kommt es immer wieder zum Streit, bis Edgar seinen Vater eines Tages tot in der Scheune findet. Claude verlässt die Farm, kommt aber später, als Edgars Mutter krank wird, zurück um auszuhelfen. Wroblewski versucht nun einerseits Edgars Parallelwelt der Beschäftigung mit den Hunden zu erzählen und andererseits eine Drohkulisse aufzubauen, die Claude als hinterhältigen Mörder und Erbschleicher aufbauen soll. Die Hinweise sind irgendwann so deutlich, dass es unmöglich nicht stimmen kann. (Gregor Keuschnig)

Dabei macht der Autor auch vor phantastischen Szenen nicht Halt, zum Beispiel, als Edgar einmal während eines Unwetters der Geist seines Vaters erscheint. Wenig später muss der Junge flüchten, begleitet nur von seinen drei treusten Hunden. Spätestens hier zeigt Wroblewskis Konstruktion Risse. Stellt er Edgars Flucht am Anfang noch als Affekt dar, so wird hieraus später eine Art Plan (er möchte nach Kanada zu einer sektenähnlichen Kommune, die im Buch »Starchild Colony« heisst). (Gregor Keuschnig) (Wobei das nicht per se unglaubwürdig ist. So überstürzt wie Edgar davonlief, hatte er unmöglich Zeit, sich vorher zu überlegen, wohin er gehen sollte.) Wenig überzeugend die Erzählungen von Edgar in der »Wildnis« des Chequamegon-Forsts mit den drei teilweise noch verspielten Welpen. So planlos Edgar erscheint, so planlos scheint jetzt auch der Autor zu sein. Manchmal lässt er den Jungen ein bisschen auf Thoreaus Spuren wandeln, dann ist die »Wildnis« wieder bedrohlich. (Gregor Keuschnig)

Als der Junge zurückkehrt, kommt es zu einem klassischen Showdown. Das überraschende und für Romane dieses Genres provokante (allerdings eher nicht überzeugende) Ende hebt den Roman dann vordergründig aus der Trivialliteraturschublade heraus (und das ist natürlich beabsichtigt). (Gregor Keuschnig) War dieses Ende nötig? Ach was, Ende ist Ende. (pasteurisiert.blogspot.com)

Einige Fragen bleiben offen. Warum beispielsweise die beiden Brüder (Edgars Vater Gar und Claude) Verständnisschwierigkeiten haben und warum Claude seinen Bruder sogar umbringt, darüber gibt der sich sonst in so vielen kleinen Nebengeschichten verlierende Plot leider keine Auskunft. (SB/schattenblick.de) Auch wie Edgar seinem Onkel, dem Mörder auf die Schliche kommt, ist, abgesehen von der übersinnlichen Erfahrung, völlig mysteriös. Lernen Schriftsteller sowas nicht? Wenn ich einen Helden in eine verfahrene Situation bringe, aus der er sich nicht mehr befreien kann, dann darf man doch nicht einfach eine gute Fee, Ausserirdische oder ein SWAT-Kommando aus dem Nichts zaubern. Ts, ts, ts! (pasteurisiert.blogspot.com)

Gedanken zu der vom Autor bevorzugten Zeit der 70er Jahre, die doch nicht unproblematisch waren, werden nicht einmal am Rande des Plots thematisiert. Das ist beinahe unverzeihlich und führt dazu, daß nur eine sehr seichte, wenig glaubhafte Erzählung übrig bleibt, die weder ein klassisches Abenteuer in der Wildnis noch einen spannenden Kriminalfall beschreibt. Schon gar nicht finden wir darin das, zu dem der Verlag den Roman hochstilisiert (SB/schattenblick.de): Die Geschichte des Edgar Sawtelle ist ein kluger, lebenspraller Roman über die großen Themen der Literatur: Rache und Schuld, Brudermord und Vaterverlust, Liebe und Hass. Ein zeitloses Epos und eine wahrlich unvergessliche Geschichte über die besondere Freundschaft zwischen einem Jungen und einem Hund. (Klappentext)

Der Autor scheint ein mehr als gesundes Selbstwertgefühl zu haben, findet er doch, er hätte einen neuen, modernen, Hamlet geschrieben – Die Hundezucht ist Edgars Dänemark, die alte Ladenbesitzerin Ida Paine eine der weissagenden Hexen und im Showdown des Romans erblindet der Polizist Glen, der Edgar zum Tod seines Vaters befragen wollte. (Bettina Klamann/schreibfeder.de)und rühmt sich einer lyrischen Sprache. Fast alle Leute im Buch reden so poetisch, am meisten und am liebsten aber der Autor selbst: „Weit weg am fernen Rand der Welt“, so heißt es beim Showdown, als die Scheune der Farm brennt, „antworteten Gewitterwolken mit ihrem Glühen auf den Ruf des Feuers, doch wenn sie herankamen, würden sie nichts anderes zu bieten haben als eine Inspektion der verkohlten, schwelenden Gebeine.“ Nicht immer fabuliert Wroblewski auf den siebenhundert Seiten derart kitschig, aber je länger sein Buch dauert, desto häufiger. […]

Und doch … Zwar windet man sich unter den Stilblüten und der schmonzettigen Naturgeheimniskrämerei, den großen Weltformeln und ungeschickten Schlüsselszenen, aber man legt das Buch doch nur ungern weg. Und letztlich relativiert das wohl alle Einwände, die man gegen David Wroblewskis Buch vorbringen muss. (Tobias Rüther)

In den USA wurde der Roman ein Millionenerfolg, was unter anderem an der Promotion von Oprah Winfrey gelegen haben mag. Vielleicht läßt sich dieser [Erfolg] auch nur im Rahmen der derzeitigen politischen Entwicklungen des amerikanischen Staates verstehen. Angesichts der zunehmenden Krisen dieses Landes und den daraus erwachsenden existenziellen Nöten scheint die ungewöhnliche Furore, die um einen ganz normalen Unterhaltungsroman gemacht wird, durchaus System zu haben. Ein derart unspektakuläres Buch, das selbst die Widersprüche und kritischen Ansätze jener Zeit, in der seine Handlung stattfindet, nicht einmal im Ansatz aufwirft, durch die Medien aufsteigen zu lassen, eignet sich denkbar gut, von den eigentlichen Problemen abzulenken. Eine Handlung, die keine Denkansätze bietet, läßt systemgefährdende Fragen nicht erst aufkommen und bedarf keiner Zensur. (SB/schattenblick.de)

Alles in allem also ein Buch, das, zu Recht, sehr kontrovers diskutiert worden ist. Während es, was die Sprache, die Figurenzeichnung und den Aufbau betrifft, ziemlich überbewertet ist, finden die Schilderungen der Beziehung zwischen Edgar und den Hunden bei einigen Lesern grossen Anklang. Die Hunde sind es denn auch, die einem – vielleicht nebst der grossartigen Landschaft – am meisten, bzw. überhaupt, ans Herz wachsen.