Montag, 16. April 2012

William Golding - The Paper Men


faber and faber, 1984
Deutsch von Emil Bastuk; Bertelsmann, 1984

Ein alternder, trinkender Schriftsteller (Barclay), Ehe zerrüttet, dem Leben hinterherhechelnd, und ein junger Professor (Tucker), der es sich in den Kopf gesetzt hat, dessen Biografie zu schreiben. (Übrigens: Wie kommt es eigentlich, dass in so vielen Büchern die Protagonisten irgendeine Art Schriftsteller oder Journalisten sind, allenfalls Maler oder sonstige Künstler? Muss man daraus schliessen, dass die Phantasie von Autoren nicht weiter reicht, als ihr eigenes Umfeld abzubilden?) Um Tucker, der wild entschlossen ist, seine Notizen zu bekommen, abzuhängen, flüchtet der Protagonist durch halb Europa – unter anderem steigt er zwei Mal in einem Hotel in den Schweizer Bergen ab – gibt dabei Beziehungen preis und lässt dieses Versteckspiel beinahe zu seinem Lebenszweck werden. Tuckers Opfer sind nicht geringer, verspielt er doch seine taufrische Ehe und lässt sich bis ins Groteske erniedrigen. 

Ein Jahr vor Erscheinen dieses Buches hatte William Golding (1911-1993), der aus Cornwall stammte und vor allem mit „Lord of the Flies“ („Herr der Fliegen“) bekannt wurde, den Nobelpreis erhalten. Man kann also davon ausgehen, dass er damit gerechnet haben muss, dass dieses Buch Dank seiner Berühmtheit auch von Menschen ausserhalb des englischsprachigen Raums gelesen, ja sogar in andere Sprachen, zum Beispiel ins Deutsche, übersetzt werden würde, dass also Menschen sein Buch lesen würden, die an den Orten leben, an denen der Hauptdarsteller sich aufhält. Was er anscheinend nicht bedacht hat, ist, wie lächerlich seine erfundenen Ortsnamen in Schweizer Ohren klingen – oder es war ihm egal – und wie seine Verwendung von, noch dazu falschen, Klischees auf solche Leser wirken könnten. „Schwillen“ (liegt angeblich am Zürichsee) oder Hotel „Weisswald“ klingen zwar mit etwas Grosszügigkeit plausibel, doch die Schweizer mit Lederhosen in Verbindung zu bringen, ist wirklich unverzeihlich. Natürlich kann man einwenden, literarische Freiheit und so, und ein britischer oder amerikanischer Leser wird mit Sicherheit darüber hinweglesen, sich höchstens noch in seinen ebenfalls falschen Vorstellungen bestätigt fühlen, doch irgendwie hat man in ein paar Szenen das Gefühl, es fehle nur noch die Kuckucksuhr, um das Desaster perfekt zu machen.

Das sind jedoch Spitzfindigkeiten, denn sonst kann man Golding nichts vorwerfen. Der Plot ist gut konstruiert, trotz spärlichen Geschehens sogar relativ spannend und die Sprache gehaltvoll. Oder mit anderen Worten: Ein würdiger Nobelpreisträger, dieser William Golding.

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