Mittwoch, 23. Mai 2012

Der Goldene Windbeutel


Seit 2009 wird von Foodwatch jährlich der Goldene Windbeutel für besonders dreiste Werbelügen vergeben. Der Gewinner wird vom Internetpublikum auf dieser Seite gekürt. Das heisst, hurra, jeder kann mitmachen. Noch bis zum 18. Juni 2012 können Sie darüber abstimmen, was Sie für die grösste Werbelüge halten. Dazu müssen Sie sich allerdings zwischen den folgenden fünf vorgeschlagenen Kandidaten entscheiden: Becel pro.aktiv von Unilever (eine Margarine, die laut Hersteller dem Herz nutzt, tatsächlich aber fragwürdige Pflanzensterine enthält), Landlust Mirabelle & Birne von Teekanne (ein Tee, der kein bisschen Mirabelle enthält, obwohl der Hersteller mit „ursprünglichem Genuss vertrauter Früchte“ wirbt und sogar auf der Packung welche abgebildet sind), Viva Vital Hackfleischzubereitung von Netto (das mit Wasser und Weizen gestreckt ist, dafür als fettarm angepriesen wird – und 30 % mehr kostet als gewöhnliches Hackfleisch), Clausthaler Classic von Radeberger („alkoholfreies“ Bier, das jedoch 0,45 % Alkohol enthält) und Instant-Früchtetees von HiPP („besonders geeignet für Kleinkinder ab dem 12. Monat“, obwohl sie pro Tasse zweieinhalb Würfelzucker enthalten). 

Aber halt, heisst das, es gibt in punkto Werbelügen nur diese fünf Produkte zu bemängeln? Na dann ist ja gut. 

Nebenbei würde uns interessieren, ob der Goldene Windbeutel auch wirklich aus purem Gold ist.

Samstag, 5. Mai 2012


Mosquita y Mari

Aurora Guerrero/USA 2011/85’

Es geht um zwei 15-jährige Latinas, die in Huntington Park, einem Stadtteil von L.A. aufwachsen. Yolanda („Mosquita“) spürt die Erwartungen ihrer Eltern, die für eine gesicherte Zukunft der Tochter alles andere unterordnen. Mari hilft ihrer alleinerziehenden Mutter mit Gelegenheitsjobs, irgendwie über die Runden zu kommen. Als sie mit ihrer Familie gegenüber Yolandas Elternhaus einzieht und in deren Klasse kommt, bietet diese ihr an, mit ihr zu lernen, um den verpassten Stoff nachzuholen. Es beginnt zwichen den beiden eine Beziehung, die bald mehr als nur Freundschaft ist. Während Yolanda feststellt, dass Lernen und gute Noten nicht alles sind im Leben, vernachlässigt Mari für die Freundin ihren Job, worauf die dadurch entstehenden Schwierigkeiten wiederum die Beziehung auf die Probe stellen. Schlussendlich müssen sie sich entscheiden, dem Druck der Umgebung nachzugeben oder sich selbst zu bleiben.

Mit Mosquita y Mari war Aurora Guerrero die erste „Chicana“-Filmemacherin (d.h. mexikanischer Abstammung), die als ehemaliges Mitglied des Sundance Institute und der Ford Foundation mit einem Spielfilmerstling am Sundance Film Festival teilnahm. 2005 hatte sie dort mit einem Kurzfilm (Pura Lengua) teilgenommen. Mit ihrem zweiten Kurzfilm (Viernes Girl) gewann sie, ebenfalls 2005, am HBO/New York International Latino Film Festival den Kurzfilmwettbewerb.

Mosquita y Mari ist ein künstlerisch ausgewogener, sorgfältig gestalteter Film. Das Tempo und der Rhythmus sind angenehm, die Charaktere der beiden Mädchen – die behütete, gewissenhafte Yoli und die eigenwillige, temperamentvolle Mari) werden nicht nur visuell, sondern auch mit geschickt platzierten Wiederholungen, Andeutungen und Symbolen herausgearbeitet. Nicht zuletzt ist die schauspielerische Leistung der vorwiegend Laienschauspieler und -schauspielerinnen hervorzuheben, vor allem der Hauptdarstellerinnen (Fenessa Pineda als Yolanda und Venecia Troncoso als Mari), die verschiedentlich allein mit einem Gesichtsausdruck eine ganze Geschichte zu erzählen vermögen.

Mosquita y Mari wird am Pink Apple Festival 2012 (Arthouse Movie, Zürich, Sa, 05.05., 18:45 Uhr und Mo, 07.05., 20.45 Uhr sowie Cinema Luna, Frauenfeld, 12.05. 20:00 Uhr) und an den Freiburger Lesbenfilmtagen (Kommunales Kino, Urachstr. 40, 79102 Freiburg i.Br., 18.05., 17:30 Uhr) gezeigt. Zudem kann der Film unter www.mosquitaymari.com als DVD bestellt werden.

Freitag, 4. Mai 2012

Nebelgrind

Barbara Kulcsar/Schweiz 2012/94’

Am Sonntagabend um 20:00 Uhr sendet das Schweizer Fernsehen SF1 jeweils einen Schweizer Spielfilm (ausser wenn es mal keinen sendet, was durchaus vorkommt). Man sollte sich diese Zeit als festen Termin reservieren, denn, vielleicht entgegen ihrem Ruf, ist die Schweizer Filmszene lebendig und bringt immer wieder absolut sehenswerte Streifen hervor. „Nebelgrind“, der am 15.04.2012 lief, ist so einer.

Auf einem etwas abseits gelegenen Bauernhof lebt eine Drei-Generationen-Familie friedlich vor sich hin. Karli, der Grossvater, ist jedoch an Alzheimer erkrankt, was vorerst nur Fränzi, der Schwiegertochter auffällt, da sie es ist, die jede Nacht von ihm gerufen wird, um das Radio einzuschalten und an seinem Bett zu sitzen, bis er wieder eingeschlafen ist, die ihn wäscht und anzieht, kurzum, ihn betreut. Ihr Mann kann den Ernst der Lage nicht erkennen und ist der Meinung, die Unzulänglichkeiten seines Vaters seien normale Alterserscheinungen und „das bisschen Pflege“ müsse doch drin liegen. Schliesslich kommt es zum Eklat, als Karli Fränzi für Stunden im Speicher einschliesst. Sie verlässt den Hof mit der Ankündigung, in zwei Wochen wieder zurück zu sein. Ihr Mann ist zunächst hoffnungslos überfordert, erkennt jedoch immer mehr, was mit seinem Vater wirklich los ist.  

Alzheimer ist eine Demenzerkrankung, die durch einen fortlaufenden Verfall von Nerven- und Nervenkontaktzellen gekennzeichnet ist, was zu Orientierungs- und Gedächtnisstörungen sowie einer zunehmenden Beeinträchtigung des Denk- und Urteilsvermögens mitsamt den damit verbundenen körperlichen Problemen (z.B. Feinmotorik) führt. In den westlichen Industrienationen sind statistisch gesehen rund 2 % der 65-Jährigen und rund 20 % der 85-Jährigen davon betroffen. 

Das Drehbuch zu „Nebelgrind“ (was für ein bezeichnender Titel!) wurde von den beiden Autorinnen Josy Meier und Eveline Stähelin verfasst, die zuletzt zusammen jenes zu „Heldin der Lüfte“ geschrieben hatten. Peter Freiburghaus, der sehr überzeugend den Grossvater spielt, ist sonst von seinen Bühnenauftritten mit dem Duo Fischbach bekannt. Sein Sohn wird von Martin Rapold dargestellt, der schon bei früheren Gelegenheiten einen Bauern spielte („Lücken im Gesetz“ und „Oeschenen“). 

Die Regisseurin Barbara Kulcsar, Jahrgang 1971, hat vor zwei Jahren für ihren Erstling „Zu zweit“ den Zürcher Filmpreis gewonnen. Sie ist schweizer-ungarische Doppelbürgerin und hat unter anderem an der HGKZ (Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich) im Bereich Film/Video studiert.

„Nebelgrind“ kann für Fr. 22.90 beim Schweizer Fernsehen als DVD bestellt werden.