Aufbau-Verlag/2001
Übersetzung aus dem Russischen: Margret Fieseler
Übersetzung aus dem Russischen: Margret Fieseler
Krimis gehören in der Regel nicht zur gehobenen Literatur, müssen sie auch nicht, haben sie doch meistens ganz andere Qualitäten. Polina Daschkowas „Die leichten Schritte des Wahnsinns“ ist da keine Ausnahme. Zu zahlreich (und gelegentlich an den Haaren herbeigezogen) die Zufälle, zu beliebig die Sprache, zu massengerecht der Inhalt.
Wenn es jedoch einer Autorin gelingt, den Leser so zu steuern, dass er nach anfänglichem Abscheu, ja Horror zu einem Mann, der in jungen Jahren serienmässig junge Mädchen vergewaltigt und umgebracht hat, Sympathien entwickelt und beinahe ein bisschen Mitleid mit ihm empfindet, weil er am Schluss vermutlich gefasst werden wird – denn es ist ja ein Krimi – dann darf man diese Raffinesse schon bewundern. Mit Psychologie kennt sie sich offenbar aus, aber nicht nur mit der ihrer Leser, sondern auch mit der ihrer Figuren.
Der Roman spielt grob gesagt 1982 in Sibirien und 1996 in Moskau, wobei wir zwischen diesen zwei Orten und Zeitebenen hin- und herpendeln. Wer der Serienmörder ist, ist fast von Beginn weg klar, ja wir bekommen, längst bevor er „es“ zum ersten Mal tut, sogar einen Blick in seine Innenwelt und sind später bei dem Verbrechen aus nächster Nähe dabei. Genauso, wie wir 14 Jahre später eine andere Person, deren Identität ebenfalls bald klar wird, bei ihren, zum Glück nicht immer erfolgreichen, und natürlich mit den Serienmorden in einem bestimmten Zusammenhang stehenden, Anschlägen begleiten.
Dass der Krimi trotz der frühen Enthüllung der Täter durchgehend spannend bleibt, ist einer Technik zu verdanken, die Daschkowa perfekt beherrscht, nämlich dem Leser nur so viel zu verraten, dass er sich zurechtfindet aber nicht so viel, dass er sich langweilt, jedoch auf jeden Fall mehr, als den Ermittlern bekannt ist. Ein weiteres spannungsförderndes Element ist der Kontrast zwischen der kommunistischen Sowjetunion mit ihren Komsomolzen, Milizionären und Geheimdienstlern, und dem postmodernen Russland mit seinen Drogenabhängigen, Auftragskillern und Neuen Russen, zwei Epochen, die die 1960 in Moskau geborene Daschkowa offensichtlich beide aus eigener Erfahrung kennt.
Nach einem Literaturstudium arbeitete sie als Übersetzerin und Journalistin, bevor sie 1996 ihren ersten Krimi herausgab. „Die leichten Schritte des Wahnsinns“ war der erste, der auf Deutsch übersetzt wurde, doch seither ist beim Aufbau-Verlag jedes Jahr ein neues Werk von ihr herausgegeben worden. Angeblich schreibt sie deren drei pro Jahr, was nicht weiter erstaunlich ist angesichts ihrer Aussage: „Das Schreiben ist die angeborene Pathologie der Sinnesorgane oder des Stoffwechsels, bei der alles, was man sieht, hört oder sogar riecht, unbedingt in literarischer Form ausgedrückt werden muss.“
Birgit Veit von der NZZ sollen beim Lesen von Daschkowas Krimi übrigens die Haare zu Berge gestanden haben, wie sie nach Erscheinen der deutschen Ausgabe bekanntgab. Für sie sind die (für den Durchschnittsleser durchaus psychologisch schlüssigen) Motive voller Klischees, und erklärt die Autorin zuviel. Gut, dass man diese russische Massenliteratur nicht lesen müsse, findet sie. Dass sie im gleichen Artikel den aus Kiew (der Hauptstadt der Ukraine) stammenden Schriftsteller Andrei Kurkow als Russen bezeichnet trägt jedoch nicht dazu dabei, ihrer Meinung über die russische Literatur im Allgemeinen und Daschkowas Fertigkeiten im Speziellen besonderes Gewicht beizumessen.