Dienstag, 20. Dezember 2011

Polina Daschkowa – Die leichten Schritte des Wahnsinns

Aufbau-Verlag/2001
Übersetzung aus dem Russischen: Margret Fieseler

Krimis gehören in der Regel nicht zur gehobenen Literatur, müssen sie auch nicht, haben sie doch meistens ganz andere Qualitäten. Polina Daschkowas „Die leichten Schritte des Wahnsinns“ ist da keine Ausnahme. Zu zahlreich (und gelegentlich an den Haaren herbeigezogen) die Zufälle, zu beliebig die Sprache, zu massengerecht der Inhalt. 

Wenn es jedoch einer Autorin gelingt, den Leser so zu steuern, dass er nach anfänglichem Abscheu, ja Horror zu einem Mann, der in jungen Jahren serienmässig junge Mädchen vergewaltigt und umgebracht hat, Sympathien entwickelt und beinahe ein bisschen Mitleid mit ihm empfindet, weil er am Schluss vermutlich gefasst werden wird – denn es ist ja ein Krimi – dann darf man diese Raffinesse schon bewundern. Mit Psychologie kennt sie sich offenbar aus, aber nicht nur mit der ihrer Leser, sondern auch mit der ihrer Figuren.

Der Roman spielt grob gesagt 1982 in Sibirien und 1996 in Moskau, wobei wir zwischen diesen zwei Orten und Zeitebenen hin- und herpendeln. Wer der Serienmörder ist, ist fast von Beginn weg klar, ja wir bekommen, längst bevor er „es“ zum ersten Mal tut, sogar einen Blick in seine Innenwelt und sind später bei dem Verbrechen aus nächster Nähe dabei. Genauso, wie wir 14 Jahre später eine andere Person, deren Identität ebenfalls bald klar wird, bei ihren, zum Glück nicht immer erfolgreichen, und natürlich mit den Serienmorden in einem bestimmten Zusammenhang stehenden, Anschlägen begleiten. 

Dass der Krimi trotz der frühen Enthüllung der Täter durchgehend spannend bleibt, ist einer Technik zu verdanken, die Daschkowa perfekt beherrscht, nämlich dem Leser nur so viel zu verraten, dass er sich zurechtfindet aber nicht so viel, dass er sich langweilt, jedoch auf jeden Fall mehr, als den Ermittlern bekannt ist. Ein weiteres spannungsförderndes Element ist der Kontrast zwischen der kommunistischen Sowjetunion mit ihren Komsomolzen, Milizionären und Geheimdienstlern, und dem postmodernen Russland mit seinen Drogenabhängigen, Auftragskillern und Neuen Russen, zwei Epochen, die die 1960 in Moskau geborene Daschkowa offensichtlich beide aus eigener Erfahrung kennt.

Nach einem Literaturstudium arbeitete sie als Übersetzerin und Journalistin, bevor sie 1996 ihren ersten Krimi herausgab. „Die leichten Schritte des Wahnsinns“ war der erste, der auf Deutsch übersetzt wurde, doch seither ist beim Aufbau-Verlag jedes Jahr ein neues Werk von ihr herausgegeben worden. Angeblich schreibt sie deren drei pro Jahr, was nicht weiter erstaunlich ist angesichts ihrer Aussage: „Das Schreiben ist die angeborene Pathologie der Sinnesorgane oder des Stoffwechsels, bei der alles, was man sieht, hört oder sogar riecht, unbedingt in literarischer Form ausgedrückt werden muss.“

Birgit Veit von der NZZ sollen beim Lesen von Daschkowas Krimi übrigens die Haare zu Berge gestanden haben, wie sie nach Erscheinen der deutschen Ausgabe bekanntgab. Für sie sind die (für den Durchschnittsleser durchaus psychologisch schlüssigen) Motive voller Klischees, und erklärt die Autorin zuviel. Gut, dass man diese russische Massenliteratur nicht lesen müsse, findet sie. Dass sie im gleichen Artikel den aus Kiew (der Hauptstadt der Ukraine) stammenden Schriftsteller Andrei Kurkow als Russen bezeichnet trägt jedoch nicht dazu dabei, ihrer Meinung über die russische Literatur im Allgemeinen und Daschkowas Fertigkeiten im Speziellen besonderes Gewicht beizumessen.

Dienstag, 13. Dezember 2011

Jerry Hopkins - Extreme Cuisine

"The Weird & Wonderful Foods That People Eat"
Periplus Editions, 2004

So ein Supermarkt ist schon ein Schlaraffenland. Tausende, wenn nicht Abertausende verschiedene Artikel warten darauf, von uns gekauft zu werden und oft können wir uns ob der grossen Auswahl nicht entscheiden: Sollen wir lieber das Schweinekotelett vom Hals oder jenes von der Lende, die Tortelloni mit Spinat- oder die mit Käsefüllung, die Kekse mit Haselnüssen oder jene mit Schokostückchen nehmen? Betrachten wir aber die Sache aus der Nähe, stellen wir etwas anderes fest: Wohl neunzig Prozent der Ware stammt ursprünglich von nur etwa drei Tieren (Hausschwein, Hausrind, Haushuhn), genausowenigen Getreidesorten (Weizen, Hafer, Reis) und einigen weiteren Pflanzenarten (verschiedene Knollen, Gemüse, Früchte), natürlich inklusive der massenhaft daraus hergestellten raffinierten Zwischenprodukte (Zucker, Pflanzenfette etc.) sowie Fertig- und Halbfertiggerichten. Die restlichen zehn Prozent entfallen auf ein paar weniger gewöhnliche Spezies der genannten Grundnahrungsmittel sowie die grosszügig eingesetzten Konservierungs- und anderen Zusatzstoffe. Dass dies keine echte Vielfalt ist, wird einem erst so richtig bewusst, wenn man Jerry Hopkins Buch „Extreme Cuisine“ in die Finger kriegt, das jene, für uns vielleicht exotischen, Nahrungsmittel vorstellt, die rund um den Globus sonst noch auf den Tisch kommen. Schon ein Blick auf die Hauptgruppen des Inhaltsverzeichnisses (u.a. Reptilien, Vögel, Insekten) genügt, um zu erraten, wie ernst es dem Autor ist. 

Dass manche Völker Hunde und Katzen essen, wird Ihnen nicht neu sein, aber wie wär’s mit panierter Klapperschlange, Ratte an Currysauce oder gedünsteten Ameiseneiern in Bananenblättern? Die Rezepte dazu gibt’s im Buch. Hopkins macht aber auch vor – zumindest für die meisten von uns „zivilisierten“ Westlern – Ekel erregenden Speisen (z.B. Balut, 16-18 Tage alte Entenembryos, die direkt aus dem Ei gegessen werden) oder schwer mit Tabus behafteten Themen (Kannibalismus, Essen von Exkrementen) nicht Halt und wird somit dem Titel des Buches in jeder Hinsicht gerecht. Ebensowenig scheut er sich, den Umstand anzusprechen, dass einige der vorkommenden Tiere und Pflanzen, nicht zuletzt wegen ihrer Beliebtheit als Nahrungsmittel, vom Aussterben bedroht sind, oder darauf aufmerksam zu machen, dass in unserer Überflussgesellschaft zahlreiche Stücke – z.B. Füsse/Hufe/Klauen, Augen und andere Teile des Kopfes, Lunge wie überhaupt die meisten Innereien – auch der „alltäglichen“, gezüchteten Schlachttiere, als minderwertig angesehen werden und folglich nicht mal in Wurstwaren Verwendung finden.

Der trotz des sachlichen Themas persönlich gehaltene, eloquent geschriebene Text wird mit Farbfotos (Nacktschnecken an Pilzsauce auf Toast – wenn Ihnen da nicht das Wasser im Mund zusammenläuft!) und mit graphisch abgehobenen Zusatzinformationen (zB. ein universeller Test zur Essbarkeit von Pflanzen oder 39 Arten, Krokodil zuzubereiten) intelligent unterstützt und aufgelockert. Dass es dem Autor auch an Humor nicht mangelt, beweist das Rezept für Elefant für 3800 Personen (das übrigens anderswo mit Flusspferd oder Nashorn als Grundzutat kursiert). 

Jerry Hopkins hat sich mit „Keiner kommt hier lebend raus“ (Heyne, 2001), über das Leben von Jim Morrison, einem Bestseller, den er zusammen mit Danny Sugerman geschrieben hat und der in mehrere Sprachen übersetzt wurde, sowie Biografien über andere Rockstars einen Namen gemacht. Seit zwanzig Jahren lebt er in Thailand und hat sich seither eher auf Bücher mit interkulturellem Bezug spezialisiert, doch insgesamt zeugt seine Themenwahl sowie seine journalistischen Darstellungsformen – nebst Sachbüchern auch Zeitungsartikel und einige (meist auf tatsächliche Begebenheiten basierende) Erzählungen – von einem sehr vielseitig interessierten Menschen.

„Extreme Cuisine“ ist nur auf Englisch erhältlich, doch eine Vorgängerversion davon wurde mit dem Titel „Strange Food. Skurrile Spezialitäten. Insekten, Quallen und andere Köstlichkeiten“ 2001 bei Komet auf Deutsch herausgegeben.

Dienstag, 6. Dezember 2011

Robert Seethaler - Jetzt wirds ernst

Kein&Aber; 2010

Manche Autoren glauben, da sie selbst einmal klein waren, müsse es ein Leichtes sein, aus der Sicht eines Kindes zu erzählen, doch nein, es ist schwer. Wie schwer es ist, kann man sich vorstellen, wenn man den ersten Teil von Seethalers Roman liest. 

Das Buch handelt von einem etwas verschrobenen Jungen, der in einer Kleinstadt aufwächst, mehr oder weniger zufällig in Kontakt mit dem Theater kommt und schliesslich Schauspieler wird.

„Mein Weg zum Theater war verschlungen. Unvorhersehbar. Holprig.“ Genauso holprig wie der Anfang dieser Geschichte, wie sich bald zeigt. Der Erzähler beginnt noch vor seiner Geburt. In der Ich-Perspektive. Im Präsens. Nicht dass man das nicht machen könnte – es gibt schliesslich verschiedene Möglichkeiten, eine Kindheit zu erzählen. Jedoch sollte man schon ein gewisses Einfühlungsvermögen besitzen, um sich in eine Babyseele hineinversetzen zu können. Seethaler gelingt es nicht. Der Stil, das Register, die Sprache sind eindeutig die eines Erwachsenen, und als er schreibt: „Irgendwie habe ich es geschafft und liege jetzt in ein Tuch gewickelt auf dem leeren Bauch meiner Mutter, faltig, verbeult, vollkommen unbehaart und bläulich-violett. Ich kann das vertraute Darmgluckern hören …“ oder ein paar Sätze weiter: „Irgendwo im Zimmer kramt leise fluchend eine Frau in einem weiss-blauen Kittel herum. Die Hebamme. Oder eine Putzfrau.“, da sieht man eher einen Erwachsenen auf dem Bauch seiner Mutter liegen als ein Neugeborenes, was einen in hohem Bogen aus der Geschichte hinauskatapultiert. 

Immer wieder gerät ihm die Erwachsenenperspektive dazwischen. Einmal vergleicht er sein altes Schulhaus mit einem Rheuma-Geplagten, was ja eine originelle Metapher sein mag, aber aus der Sicht eines neunjährigen Jungen? Ausserdem fallen die vielen Rotzwörter auf. Ständig läuft dem Protagonisten oder einem anderen Kind, ja sogar später den jungen Erwachsenen, der Rotz aus der Nase, von der äusserst ekelhaften Weise, wie er mit seinem Kumpel Blutsbrüderschaft schliesst (übrigens der Beginn einer tiefen und dauerhaften Freundschaft) ganz zu schweigen. Vieles hätte man streichen können, da es keine erkennbare Funktion erfüllt, und zwar nicht nur einige lästige Wiederholungen von längst Gesagtem, sondern zum Beispiel auch den mehrere Seiten langen Exkurs in die Kindheit des Rektors, dessen Rolle sich ansonsten darauf beschränkt, den beiden Rotznasen (!) einmalig die Ohren langzuziehen. Ferner scheint sich der Autor oft nicht entscheiden zu können, ob er dem Erzählten eine eher humoristische oder eher zynische Note geben soll, wodurch beides missglückt und seinerseits zum uneinheitlichen Stil beiträgt.

Es lohnt aber die Mühe, sich durch das anfängliche Geholper hindurchzuquälen, denn je grösser der Junge wird, desto authentischer der Ausdruck und desto interessanter der Plot. Etwa von da an, als er aus der Schule kommt, wird das Lesen sogar zu einem richtigen Vergnügen – und dies nicht nur wegen des Kontrastes zu den bisher durchgemachten Strapazen. Hübsche Metaphern („Die Grundschüler hatte man in elterlicher Feinarbeit zurechtgemacht und aufgeputzt.“), Vergleiche („Sein Redeschwall klang wie ein schlammiger Erdrutsch, aus dem sich nur manchmal ein paar verständliche Brocken lösten.“) und andere Sprachbilder; nicht zuviel, nicht zuwenig und dazu ein angenehmes, leichtfüssiges Tempo. 

Alles in allem ein lesenswertes Buch, das aber eine starke Überarbeitung des ersten Teils vertragen hätte. 

Robert Seethaler hat Jahrgang 1966 und lebt, nachdem er unter anderem als Elektriker, Journalist, in der Landwirtschaft und am Theater tätig war, heute schreibend in Berlin und Wien. „Jetzt wirds ernst“ ist sein dritter Roman. Für seinen ersten, „Die Biene und der Kurt“ wurde er 2007 mit dem „Debütpreis des Buddenbrockhauses“ ausgezeichnet.

Samstag, 3. Dezember 2011

Gianni e le donne (Gianni und die Frauen)

Italien/2011/90 Min./DVD

Männer sind Schweine, das muss jede Frau irgendwann lernen. Sie lügen, betrügen, vergewaltigen (und morden und führen Kriege, aber das ist eine andere Geschichte). „Gianni e le donne“ erinnert uns jedoch daran, dass es von dieser Regel auch Ausnahmen gibt.

Der 60-jährige, aber noch gut erhaltene, sanftmütige Gianni ist einer Menge Frauen auf die eine oder andere Art zu Diensten: seiner Mutter, einer verarmten Adligen, die meint, trotz ihrer Schulden den gewohnten Lebensstil weiterführen zu müssen; seiner Frau, die im Gegensatz zu ihm berufstätig ist und auf seine Hausmannqualitäten zählt; seiner hübschen Nachbarin, deren Hund er täglich Gassi führt und viele mehr – es scheint, die halbe Stadt profitiert von seiner Hilfsbereitschaft. Ein Freund macht ihn schliesslich darauf aufmerksam, dass heutzutage jeder Senior, der etwas auf sich hält, eine Geliebte hat. Gianni findet nach anfänglichen Zweifeln bald Gefallen an dem Gedanken und beschliesst, etwas in diese Richtung zu unternehmen – was sich jedoch viel komplizierter erweist als er sich vorgestellt hat.

„Gianni e le donne“ ist ein herzerwärmender Film mit einem – im doppelten Wortsinn – feinen Humor. Besonders gefallen dürfte er Frauen, die (gerade mal wieder) von Männern enttäuscht sind und sich missverstanden fühlen, was aber nicht heisst, dass er für andere, beiderlei Geschlechts, nicht ebenfalls lohnend wäre. Gianni di Gregorio führt nicht nur Regie, sondern spielt auch charmant die Hauptrolle. Sowohl ihn als auch Valeria de Franciscis, die seine Mutter spielt – und erst vor zwei Jahren, mit 93 Jahren, zum ersten Mal vor der Kamera stand, notabene – kennen wir bereits aus „Pranzo di Ferragosto“, seinem vielgepriesenen Erstlingswerk.

Wer denkt, bei „Gianni e le donne“ gehe es einfach um lüsterne alte Knacker und vife Weiber, hat nicht ganz unrecht. Zumindest kann man es so sehen. Doch da ist noch viel mehr. Der Film versteht es gekonnt, uns mit, nicht nur den italienischen, Machos zu versöhnen, denn Gianni geht trotz seines Vorhabens fremdzugehen so nett mit den Frauen um, dass man ihn einfach knuddeln möchte. Und genau da liegt für ihn das Problem: Während man noch in dem märchenhaften Kitsch schwelgt, drängt sich einem die Frage auf, ob es solche perfekten Männer im wahren Leben tatsächlich gibt. Die Antwort ist, ja, es gibt sie. Und in einem Punkt ist die Komödie schonungslos realistisch: Nette Männer werden vielleicht gemocht, als guter Freund oder Kumpel geschätzt, gerne auch ein bisschen ausgenutzt, aber als Mann wirklich ernst genommen werden sie nicht. Die Frauen wollen Männer, die Schweine sind – und somit verdienen sie wohl auch nichts Besseres.

Super Size Me

USA, 2004, 100 Min.

Was tut jemand, wenn er beweisen will, dass Fast Food fett und krank macht? – Genau. Er macht einen Selbstversuch.

Morgan Spurlock, ein New Yorker Dokumentarfilmer (hier Financier, Regisseur und Hauptdarsteller in einem), dessen Freundin vegane Bioköchin ist, hat es gewagt und sich einen Monat lang ausschliesslich bei McDonald’s verpflegt. Anlass dazu war eine Klage im Namen zweier halbwüchsiger Mädchen, die den Konzern für ihre Fettleibigkeit verantwortlich machten. Spurlocks Regeln waren, bei drei Mahlzeiten pro Tag nichts anderes zu sich zu nehmen, als was bei McDonald’s angeboten wird, im Laufe des Experiments jedes Gericht auf der Karte mindestens einmal zu probieren und – sofern er danach gefragt werden würde – jeweils die Super-Size-Version zu wählen, also eine extragrosse Portion, die als Beilage rund 175 Gramm Pommes Frites (das klingt nach wenig, entspricht aber 600 Kalorien!) sowie über einen Liter Cola enthält. Ausserdem würde er während dieser Zeit nicht mehr als 2000 Schritte täglich tun, was ungefähr dem entspricht, was ein durchschnittlicher amerikanischer Büroangestellter pro Tag zurücklegt. Seinen Gesundheitszustand liess er im Vorfeld und mehrmals während des Versuchs nicht nur von einem Allgemeinmediziner, sondern auch von einem Kardiologen und einer Gastroenterologin überprüfen.

Da dieses Material allein wohl nur für einen Kurzfilm gereicht hätte, liefert Spurlock an strategisch günstigen Stellen zusätzlich interessante Hintergrundinformationen, z.B. was McDonald’s unternimmt, um kleine Kinder zu zukünftigen Stammkunden zu machen oder wie das Verpflegungsangebot in Amerikas Schulkantinen, Gefängnissen und nicht zuletzt Spitälern aussieht. Ausserdem lernen wir einen Mann kennen, der in seinem Leben schon gegen 20'000 Bic Macs gegessen hat (und dabei schlank geblieben ist), und wir erfahren, warum Fast Food süchtig macht, dass für manche Amerikaner Pommes Frites unter Gemüse fallen, und viele erstaunliche Fakten mehr.

Falls Sie selbst ein Fast-Food-Junkie sind, wird Ihnen dieser Film erst mal das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Er könnte Ihnen aber auch die Augen öffnen und eine Ahnung darüber vermitteln, was zwischen Ernährung und Gesundheit für ein Zusammenhang besteht. Wenn Sie jedoch sowieso gerade vorhatten, eine Schüssel Salat zu essen, werden Sie die Bilder geniessen und sich freudig ekeln, während der Protagonist mit jeder Einstellung eine Spur kränker und aufgedunsener aussieht. Als er hingegen gar depressiv wird und seine Blut- und Leberwerte immer schlechter werden, er aber sein Ding trotzdem bis zu Ende durchziehen will, wünschte man ihm beinahe, dass es Februar wäre, damit er zwei Tage weniger leiden müsste. Eine Szene ist übrigens nur für Leute mit wirklich hoher Ekelschwelle geeignet, nämlich als wir in Nahaufnahme und in allen Einzelheiten zuschauen dürfen, wie an einem hochgradig fettleibigen Mann eine Magen-Bypass-Operation durchgeführt wird.

Also „ein echt fetter Film von Morgan Spurlock“ wie es im Trailer zur deutschsprachigen Version heisst. Erhältlich ist er als DVD mit deutschen und englischen Untertiteln oder anschaubar auf Youtube deutsch synchronisiert in sieben Teilen.

Ian McEwan –Abbitte (Original: Atonement)

2002, Diogenes

Die 13-jährige Möchte-gern-zukünftige-Schriftstellerin Briony bekommt mit, wie sich zwischen ihrer älteren Schwester Cecilia, die soeben ihr Literaturstudium abgeschlossen hat, und Robbie, dem von der Familie sehr geschätzten Sohn der Zugehfrau, eine Liebesgeschichte anbahnt. In ihrer Unerfahrenheit deutet sie Robbies Werben als Bedrohung für Cecilia, was zur Folge hat, dass sie ihn als den Täter angibt, als sie in der Nacht Zeugin eines Vergehens an ihrer Cousine Lola wird. Robbie muss ins Gefängnis und wird von Brionys Familie fallengelassen. Nur Cecilia glaubt an ihn, bricht mit der Familie und wird Krankenschwester. Als der 2. Weltkrieg ausbricht, wird Robbie Soldat und später nach Frankreich geschickt. Cecilia trifft er zu einem Tête-à-Tête kurz vor seiner Abreise und bleibt mit ihr die ganze Zeit brieflich in Kontakt. Als Briony ihren Fehler einsieht, wird sie ebenfalls Krankenschwester, was sie als eine Art Sühne ansieht. Später muss sie jedoch erkennen, dass sie weder dadurch noch durch andere Wiedergutmachungs-versuche, die Robbies Ruf wiederherstellen sollen, seine und Cecilias Vergebung erlangen kann.

Nebst den offensichtlichen Themen von Schuld und Reue geht es in dem Roman auch um das Sichverlieren in einer virtuellen Welt – in diesem Fall der Literatur –, die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens und nicht zuletzt das Universum von Liebe und Trennung.

Das Buch, übersetzt von Bernhard Robben, liest sich bis fast zuletzt wie ein konventioneller, allerdings packend geschriebener, Roman, der eine gängige Struktur und die üblichen Perspektivenwechsel aufweist. Doch dann, als man sich schon zurücklehnen und – bevor man das Buch weglegt und zur Tagesordnung übergeht – über das glückliche Ende der Liebesgeschichte freuen will, wird man auf eigentümliche und überraschende Weise daran erinnert, dass Briony ursprünglich Schriftstellerin werden wollte. Vielleicht ist es gerade wegen dieser Spielerei mit der Lesererwartung, dass einem der Roman trotz seiner Massentauglichkeit länger als sonst in Erinnerung bleibt.

Ian McEwan wurde 1948 als Sohn eines Berufssoldaten in England geboren. Aufgrund der Versetzungen seines Vaters wuchs er unter anderem in Singapur und in Libyen auf. Heute lebt er als freier Schriftsteller in London. Für seine Werke wurde er im Laufe seiner Karriere mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, für „Abbitte“ unter anderem mit dem Deutschen Bücherpreis (2003).

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Petros Markaris - Faule Kredite


Gemäss dem Londoner The Observer ist Petros Markaris einer der zehn besten Krimiautoren Europas. Manche Literaturkritiker bezeichnen seine Bücher als Kult. Solche Aussagen könnte Sie dazu verleiten, sich auf sein neustes Werk, „Faule Kredite“, das in der Übersetzung von Michaela Prinzinger vorliegt und 2010 im Diogenes Verlag erschienen ist, einzulassen. Tun Sie es nicht!

Es ist ein langweiliges Buch. Die Geschichte plätschert hunderte von Seiten lang unaufgeregt vor sich hin und kommt zu einem nicht mehr als befriedigenden, also nicht besonders überraschenden Schluss. Für einen Krimi, der im heutigen Griechenland spielt (also dem, das gerade von der Finanzkrise gebeutelt wird) und ausserdem den Anspruch hat, gesellschaftskritisch zu sein, genügt das nicht.

Der Plot an sich wäre vielversprechend: Mehrere Morde an Bankern, allesamt mit dem Schwert enthauptet, lassen die Finanzwelt erzittern. Gleichzeitig erscheinen in der ganzen Stadt anonyme Plakate und Aufkleber, die die Bevölkerung dazu auffordern, die Banken zu boykottieren. Den Ich-Erzähler und Kommissar Kostas Charitos lässt das jedoch scheinbar kalt. Statt sich mit einer guten Dosis Adrenalin im Blut an die Arbeit zu machen und den Leser tausend Tode sterben zu lassen, bis der Fall gelöst ist, schwafelt er langatmig von Familienangelegenheiten und hat sich offenbar zum Ziel gesetzt, uns die Finanzkrise zu verklickern. (Nicht vergebens hat der Autor in seiner Jugend Volkswirtschaft studiert.) Dass sich aber die Griechen, in erster Linie die Staatsangestellten, damit auseinandersetzen müssen, dass ihnen im Zuge der Sparmassnahmen die Renten gekürzt, das Rentenalter erhöht (von 50 auf 55 oder so) und die Anzahl Monatsgehälter verringert werden (von 15 auf 13), lässt einen völlig kalt. Das liegt aber nicht daran, dass das griechische Sozialwerk im Vergleich mit unserem bisher offenbar ziemlich grosszügig ausgestattet war, sondern dass Markaris viel zu sehr ins Detail geht und seine Figuren all das sagen lässt, was der Leser lieber durch ihre Handlungen selbst entdecken würde. Wir wollen nicht ständig hören, wie brisant die Situation ist, wir wollen es erleben, darin eintauchen. Telling statt Showing heisst die Sünde im Fachjargon. Besonders störend ist sie bei Informationen, die mit der Geschichte gar nichts zu tun haben, wie im folgenden Abschnitt, der beinahe aus einem Werbeprospekt für Griechenland stammen könnte: 

„Meine liebe Adriani, keine Diskussion: Morgen gibt’s Souflaki“, meinte Fanis entschieden. „Alle wichtigen Ereignisse werden in Griechenland mit Souflaki gefeiert. Denk nur an das Ende der Militärjunta, an dem Abend strömten die Leute auf die Strassen und hielten in der linken Hand eine Kerze und in der rechten Souflaki.“
„Genau wie 2004 bei der Olympiade“, bekräftigte Katerina. „Man sollte mal ausrechnen, wie viele Tonnen Souflaki da vor den Fernsehgeräten verdrückt wurden!“
„Zu Weihnachten essen wir Truthahn und zu Ostern Lamm am Spiess, aber alle nationalen Erfolge wurden immer schon mit Souflaki gefeiert“, ergänzte Fanis.

Die Redundanzen sind typisch für das Buch. Nicht nur, dass der Erzähler jedes Mal erwähnt, wenn er unterwegs ist, darüber hinaus gibt er uns akribisch jede Strasse an, durch die er fährt und vergisst auch kein einziges Mal darauf hinzuweisen, wenn er in einen Stau gerät – was praktisch immer ist. Sowohl er wie auch die Nebenfiguren bleiben seltsam gesichtslos und austauschbar. Es kümmert einen nicht, was aus ihnen wird, und das hat nur zu einem kleinen Teil damit zu tun, dass ihre komplizierten griechischen Namen so schwer auseinanderzuhalten sind. (Tatsächlich wäre eine Personenliste hilfreich gewesen.). Man kann das Buch ruhig ein paar Tage weglegen – wenn man sich nicht gleich entschliesst, es in den Müll zu werfen –, man  weiss, man wird nichts verpassen, denn so phlegmatisch der Typ bei der Auflösung des Verbrechens wirkt, dass er den Fall am Ende lösen wird, traut man ihm zu. Er ist einer dieser zwar zuverlässigen, aber völlig langweiligen Menschen, die man vielleicht in schweren Zeiten gern zum Freund hat oder hätte, die in einem aber null Inspiration entfachen.

Die Sprache ist korrekt, weiter nichts; der Stil hat etwas Leidenschaftsloses und der angebliche Humor wirkt bemüht. Als der Kommissar mit seiner Familie das WM-Endspiel schaut, denkt er zum Beispiel: Sie [seine Tochter] und Fanis sind so in das Spiel vertieft, dass sie die Souflakis links liegen lassen. Daher habe ich in der Zwischenzeit schon drei Portionen verdrückt, ohne dass es meiner Tochter oder meinem Arzt aufgefallen wäre. Das soll lustig sein?

Das Schlimmste kommt erst noch: „Faule Kredite“ ist als Auftakt zu einer Trilogie der Krise gedacht. Offenbar wird also noch mehr davon kommen. Dabei kann man nur hoffen, dass mit Krise tatsächlich die Finanzkrise und nicht etwa die Schaffenskrise des Autors gemeint ist.

Margrit Schriber – Muschelgarten

(1984, Nagel & Kimche)

Ein Gasthof, der „Löwen“. An der Bar eine Aushilfe. Die Wirtin sei abwesend. Ein Gast malt sich aus, warum, und wo sie sein könnte. Doch bald verselbständigen sich die Figuren. Die Wirtin, deren Namen man nie erfährt, wurde mit ihrem Kind, von dem nicht mal das Geschlecht verraten wird, aufs Land zur Schwester des Wirtes gebracht, um ihre Trunksucht in den Griff zu bekommen. So fürsorglich die Schwägerin, Anna, zu sein scheint, so destruktiv wirken sich ihre Bemühungen auf den Zustand der Protagonistin aus. Deren Versuch, die aufgezwungene Untätigkeit zu überwinden, indem sie in ihren erlernten Beruf zurückkehrt und wieder anfängt zu schneidern, wird zum Beispiel damit gekontert, dass die Schnapsflaschen ab sofort frei zugänglich sind. In Wirklichkeit möchte die Schwägerin den Platz der Wirtin an der Seite ihres Bruders Arnold einnehmen. Daneben hat aber auch sie ihre Probleme zu bewältigen. Schlussendlich sind beide Verliererinnen, denn das „Rennen“ macht eine lachende Dritte.

Die Geschichte wird grösstenteils aus der Perspektive der Protagonistin erzählt, gelegentlich direkt in der Ich-Person, wodurch man als Leser bald vergisst, dass alles „nur“ ausgedacht ist. Mit einer nüchternen, kunstvoll mit Metaphern angereicherten Sprache gelingt es der Autorin, eine Beklemmung heraufzubeschwören, die man oft im Beisein eines Süchtigen empfindet. Alles dreht sich im Kreis, Motive wiederholen sich. Thema ist aber nicht nur der Alkoholismus, sondern auch das Dem-Mann-Unterworfensein der Frau. (Das Buch ist 1984 – nur 13 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts – erschienen.) Oft nimmt die Wirtin mit ihrem inneren Monolog den Fortgang der Geschichte vorweg. Dies geschieht manchmal allein durch Assoziationen, die durch einen teilweise symbolhaften Sprachgebrauch geweckt werden, so z.B. am Anfang des Buches, als „Eiswürfel fallen.“ oder als jemand, vermutlich die Wirtin zu sich selbst, auf der Fahrt aufs Land sagt: „Die Tage werden dir rasch vergehen.“ 

Margrit Schriber hat Jahrgang 1939 und lebt in Zofingen. Nebst Romanen, die oft eine Trostlosigkeit und Sinnlosigkeit des Lebens zeigen, schreibt sie auch Erzählungen, Hörspiele und Theaterstücke. Erstaunlich, dass eine Autorin von diesem Format nicht besser bekannt ist.

Bill Bryson - Streifzüge durch das Abendland

Goldmann, 2001
(Original: Neither Here Nor There; Avon Books; 1992)

Bill Bryson steht für gute Unterhaltung mit einem Schuss Sarkasmus. So
gesehen enttäuscht er uns mit  „Streifzüge durch das Abendland“ nicht.
Und doch … 


Der Autor reist 1990 mitten im Winter nach Hammerfest, um das Nordlicht
zu sehen. Von da geht es weiter nach Oslo und später kreuz und quer durch
Europa bis nach Istanbul. Mit einem scharfen und schonungslosen Blick für
die Eigenheiten der bereisten Nationen berichtet er uns auf zum Teil zum
Schreien komische Weise, was er dabei alles erlebt. Zusätzlich durchflicht
er den Text elegant mit Begebenheiten, die sich auf seiner ersten
Europareise rund zwanzig Jahre zuvor und auf der zweiten, in Begleitung

seines Freundes Stephen Katz, zugetragen haben sowie mit allerlei mehr
oder weniger relevanten, aber gut recherchierten Zusatzinformationen.

Sollte es auch stimmen, dass die Deutschen keinen Humor haben und die
Schweizer nicht wissen, was Spass ist, wie Bryson an einer Stelle
klischeehaft behauptet, hart im Nehmen müssen sie aber dennoch sein.
Oder würden sie sonst ein Buch aus dem Amerikanischen ins Deutsche
übersetzen lassen, in dem in den entsprechenden Kapiteln ständig auf
ihre Fehler (besonders die Rolle der Deutschen im 2. Weltkrieg und die
skrupellose Geschäftstüchtigkeit der Schweizer) hingewiesen wird? Dabei
ist die Meinung des Autors eine rein subjektive, sagt er doch an einer
Stelle selbst: „Ich glaube nicht, dass ich den Deutschen jemals ihre
Vergangenheit verzeihen kann, jedenfalls nicht, solange ich mich fragen
muss, ob der freundliche, alte Kellner, der mir meinen Kaffee bringt, seine
Jugend damit verbracht hat, Babys auf Bajonette zu spiessen oder Juden
in die Gaskammern zu schicken.“


Im Jahre 1991, als die amerikanische Originalausgabe herauskam, hätten
wir das Buch vielleicht anders gelesen, doch heute muten solch
undifferenzierten Aussagen aus dem Mund, bzw. aus der Feder eines
Amerikaners – gerade in Anbetracht der weltpolitischen Rolle dieses Volkes
in den letzten zwanzig Jahren – arg seltsam an. Brysons vermeintliche
persönliche Haltung passt da gut ins Bild. Typisch amerikanische Prüderie,
könnte man beispielsweise mit seiner eigenen Boshaftigkeit bemerken,
als er sich furchtbar über ein Pornokino am Kölner Hauptbahnhof aufregt.
Wo er doch sonst übers ganze Buch hinweg selbst sexuelle Anspielungen
macht, und zwar von solcher Geschmacklosigkeit, dass sie bei der
Übersetzung zensiert worden sind. Weiter scheint er enttäuscht zu sein,
weil ihm die Franzosen nicht wie die Belgier und Holländer vor Dankbarkeit,
dass die Amerikaner sie im zweiten Weltkrieg von den Deutschen befreit
haben, um den Hals fallen, sondern ihn im Gegenteil sogar ziemlich
abweisend behandeln. Aber natürlich kann man sich nie sicher sein, ob er
es nicht ironisch meint. Genauso wie die vielen Übertreibungen und bei
genauer Betrachtung oft ziemlich konstruiert wirkenden Anekdoten
manchmal gewisse Zweifel aufkommen lassen. Als der Protagonist zum
dritten Mal am Schalter einer Touristeninstitution aufs Gröbste veräppelt

wird, fragt man sich nämlich als Leser, wie viel von der ganzen Geschichte
überhaupt wahr ist und wie viel er dazuerfunden hat.


Zugutehalten muss man dem Autor trotz seiner Ungerechtigkeiten, dass
er auch nicht davor zurückschreckt, sich selbst aufs Korn zu nehmen.
Beispielsweise schildert er uns ohne etwas zu beschönigen, wie er in
Kopenhagen, nachdem er am Abreisetag verschlafen hat und im Hotel
scheinbar abgezockt worden ist, der Receptionistin gegenüber so ausfällig
wird, dass man sich als Leser fremdschämt, anschliessend das Hotel wutschnaubend verlässt und – immer noch ohne einen Kaffee gehabt zu
haben – an den Bahnhof hetzt, um den geplanten Zug nach Göteborg zu
erwischen...


Was das Buch ungeachtet der genannten Kritikpunkte lesenswert macht, ist
nebst Brysons Humor sein unverwechselbarer Sprachstil. Obwohl man diesen
keinesfalls literarisch nennen kann, enthält er – besonders im englischen
Original, denn teilweise sind sie so gut wie unübersetzbar –einige sprachliche
Köstlichkeiten (ein Begriff, der wegen der manchmal derben Ausdrucksweise
zwar nicht immer passend ist).
„Europeans do seem to have a peculiar
fondness for alfresco excretion.“, „… feeling your way along the walls […]
and colliding scrotally with the corner of a nineteenth-century oak table …“
oder „… a towering backdrop of mountains, muscular and snow-peaked …“
sind nur einige Beispiele.
Um sich solche Schätze nicht entgehen zu lassen,
aber auch, weil das Werk teilweise ziemlich eigenwillig übersetzt ist – nebst
der mysteriösen Tatsache, dass in der deutschen Ausgabe das ganze Kapitel
Jugoslawien fehlt– empfiehlt es sich für Englisch Sprechende, das Buch im
Original zu lesen.