Kein&Aber; 2010
Manche Autoren glauben, da sie selbst einmal klein waren, müsse es ein Leichtes sein, aus der Sicht eines Kindes zu erzählen, doch nein, es ist schwer. Wie schwer es ist, kann man sich vorstellen, wenn man den ersten Teil von Seethalers Roman liest.
Das Buch handelt von einem etwas verschrobenen Jungen, der in einer Kleinstadt aufwächst, mehr oder weniger zufällig in Kontakt mit dem Theater kommt und schliesslich Schauspieler wird.
„Mein Weg zum Theater war verschlungen. Unvorhersehbar. Holprig.“ Genauso holprig wie der Anfang dieser Geschichte, wie sich bald zeigt. Der Erzähler beginnt noch vor seiner Geburt. In der Ich-Perspektive. Im Präsens. Nicht dass man das nicht machen könnte – es gibt schliesslich verschiedene Möglichkeiten, eine Kindheit zu erzählen. Jedoch sollte man schon ein gewisses Einfühlungsvermögen besitzen, um sich in eine Babyseele hineinversetzen zu können. Seethaler gelingt es nicht. Der Stil, das Register, die Sprache sind eindeutig die eines Erwachsenen, und als er schreibt: „Irgendwie habe ich es geschafft und liege jetzt in ein Tuch gewickelt auf dem leeren Bauch meiner Mutter, faltig, verbeult, vollkommen unbehaart und bläulich-violett. Ich kann das vertraute Darmgluckern hören …“ oder ein paar Sätze weiter: „Irgendwo im Zimmer kramt leise fluchend eine Frau in einem weiss-blauen Kittel herum. Die Hebamme. Oder eine Putzfrau.“, da sieht man eher einen Erwachsenen auf dem Bauch seiner Mutter liegen als ein Neugeborenes, was einen in hohem Bogen aus der Geschichte hinauskatapultiert.
Immer wieder gerät ihm die Erwachsenenperspektive dazwischen. Einmal vergleicht er sein altes Schulhaus mit einem Rheuma-Geplagten, was ja eine originelle Metapher sein mag, aber aus der Sicht eines neunjährigen Jungen? Ausserdem fallen die vielen Rotzwörter auf. Ständig läuft dem Protagonisten oder einem anderen Kind, ja sogar später den jungen Erwachsenen, der Rotz aus der Nase, von der äusserst ekelhaften Weise, wie er mit seinem Kumpel Blutsbrüderschaft schliesst (übrigens der Beginn einer tiefen und dauerhaften Freundschaft) ganz zu schweigen. Vieles hätte man streichen können, da es keine erkennbare Funktion erfüllt, und zwar nicht nur einige lästige Wiederholungen von längst Gesagtem, sondern zum Beispiel auch den mehrere Seiten langen Exkurs in die Kindheit des Rektors, dessen Rolle sich ansonsten darauf beschränkt, den beiden Rotznasen (!) einmalig die Ohren langzuziehen. Ferner scheint sich der Autor oft nicht entscheiden zu können, ob er dem Erzählten eine eher humoristische oder eher zynische Note geben soll, wodurch beides missglückt und seinerseits zum uneinheitlichen Stil beiträgt.
Es lohnt aber die Mühe, sich durch das anfängliche Geholper hindurchzuquälen, denn je grösser der Junge wird, desto authentischer der Ausdruck und desto interessanter der Plot. Etwa von da an, als er aus der Schule kommt, wird das Lesen sogar zu einem richtigen Vergnügen – und dies nicht nur wegen des Kontrastes zu den bisher durchgemachten Strapazen. Hübsche Metaphern („Die Grundschüler hatte man in elterlicher Feinarbeit zurechtgemacht und aufgeputzt.“), Vergleiche („Sein Redeschwall klang wie ein schlammiger Erdrutsch, aus dem sich nur manchmal ein paar verständliche Brocken lösten.“) und andere Sprachbilder; nicht zuviel, nicht zuwenig und dazu ein angenehmes, leichtfüssiges Tempo.
Alles in allem ein lesenswertes Buch, das aber eine starke Überarbeitung des ersten Teils vertragen hätte.
Robert Seethaler hat Jahrgang 1966 und lebt, nachdem er unter anderem als Elektriker, Journalist, in der Landwirtschaft und am Theater tätig war, heute schreibend in Berlin und Wien. „Jetzt wirds ernst“ ist sein dritter Roman. Für seinen ersten, „Die Biene und der Kurt“ wurde er 2007 mit dem „Debütpreis des Buddenbrockhauses“ ausgezeichnet.
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