"The Weird & Wonderful Foods That People Eat"
Periplus Editions, 2004
Periplus Editions, 2004
So ein Supermarkt ist schon ein Schlaraffenland. Tausende, wenn nicht Abertausende verschiedene Artikel warten darauf, von uns gekauft zu werden und oft können wir uns ob der grossen Auswahl nicht entscheiden: Sollen wir lieber das Schweinekotelett vom Hals oder jenes von der Lende, die Tortelloni mit Spinat- oder die mit Käsefüllung, die Kekse mit Haselnüssen oder jene mit Schokostückchen nehmen? Betrachten wir aber die Sache aus der Nähe, stellen wir etwas anderes fest: Wohl neunzig Prozent der Ware stammt ursprünglich von nur etwa drei Tieren (Hausschwein, Hausrind, Haushuhn), genausowenigen Getreidesorten (Weizen, Hafer, Reis) und einigen weiteren Pflanzenarten (verschiedene Knollen, Gemüse, Früchte), natürlich inklusive der massenhaft daraus hergestellten raffinierten Zwischenprodukte (Zucker, Pflanzenfette etc.) sowie Fertig- und Halbfertiggerichten. Die restlichen zehn Prozent entfallen auf ein paar weniger gewöhnliche Spezies der genannten Grundnahrungsmittel sowie die grosszügig eingesetzten Konservierungs- und anderen Zusatzstoffe. Dass dies keine echte Vielfalt ist, wird einem erst so richtig bewusst, wenn man Jerry Hopkins Buch „Extreme Cuisine“ in die Finger kriegt, das jene, für uns vielleicht exotischen, Nahrungsmittel vorstellt, die rund um den Globus sonst noch auf den Tisch kommen. Schon ein Blick auf die Hauptgruppen des Inhaltsverzeichnisses (u.a. Reptilien, Vögel, Insekten) genügt, um zu erraten, wie ernst es dem Autor ist.
Dass manche Völker Hunde und Katzen essen, wird Ihnen nicht neu sein, aber wie wär’s mit panierter Klapperschlange, Ratte an Currysauce oder gedünsteten Ameiseneiern in Bananenblättern? Die Rezepte dazu gibt’s im Buch. Hopkins macht aber auch vor – zumindest für die meisten von uns „zivilisierten“ Westlern – Ekel erregenden Speisen (z.B. Balut, 16-18 Tage alte Entenembryos, die direkt aus dem Ei gegessen werden) oder schwer mit Tabus behafteten Themen (Kannibalismus, Essen von Exkrementen) nicht Halt und wird somit dem Titel des Buches in jeder Hinsicht gerecht. Ebensowenig scheut er sich, den Umstand anzusprechen, dass einige der vorkommenden Tiere und Pflanzen, nicht zuletzt wegen ihrer Beliebtheit als Nahrungsmittel, vom Aussterben bedroht sind, oder darauf aufmerksam zu machen, dass in unserer Überflussgesellschaft zahlreiche Stücke – z.B. Füsse/Hufe/Klauen, Augen und andere Teile des Kopfes, Lunge wie überhaupt die meisten Innereien – auch der „alltäglichen“, gezüchteten Schlachttiere, als minderwertig angesehen werden und folglich nicht mal in Wurstwaren Verwendung finden.
Der trotz des sachlichen Themas persönlich gehaltene, eloquent geschriebene Text wird mit Farbfotos (Nacktschnecken an Pilzsauce auf Toast – wenn Ihnen da nicht das Wasser im Mund zusammenläuft!) und mit graphisch abgehobenen Zusatzinformationen (zB. ein universeller Test zur Essbarkeit von Pflanzen oder 39 Arten, Krokodil zuzubereiten) intelligent unterstützt und aufgelockert. Dass es dem Autor auch an Humor nicht mangelt, beweist das Rezept für Elefant für 3800 Personen (das übrigens anderswo mit Flusspferd oder Nashorn als Grundzutat kursiert).
Jerry Hopkins hat sich mit „Keiner kommt hier lebend raus“ (Heyne, 2001), über das Leben von Jim Morrison, einem Bestseller, den er zusammen mit Danny Sugerman geschrieben hat und der in mehrere Sprachen übersetzt wurde, sowie Biografien über andere Rockstars einen Namen gemacht. Seit zwanzig Jahren lebt er in Thailand und hat sich seither eher auf Bücher mit interkulturellem Bezug spezialisiert, doch insgesamt zeugt seine Themenwahl sowie seine journalistischen Darstellungsformen – nebst Sachbüchern auch Zeitungsartikel und einige (meist auf tatsächliche Begebenheiten basierende) Erzählungen – von einem sehr vielseitig interessierten Menschen.
„Extreme Cuisine“ ist nur auf Englisch erhältlich, doch eine Vorgängerversion davon wurde mit dem Titel „Strange Food. Skurrile Spezialitäten. Insekten, Quallen und andere Köstlichkeiten“ 2001 bei Komet auf Deutsch herausgegeben.
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