Donnerstag, 1. Dezember 2011

Margrit Schriber – Muschelgarten

(1984, Nagel & Kimche)

Ein Gasthof, der „Löwen“. An der Bar eine Aushilfe. Die Wirtin sei abwesend. Ein Gast malt sich aus, warum, und wo sie sein könnte. Doch bald verselbständigen sich die Figuren. Die Wirtin, deren Namen man nie erfährt, wurde mit ihrem Kind, von dem nicht mal das Geschlecht verraten wird, aufs Land zur Schwester des Wirtes gebracht, um ihre Trunksucht in den Griff zu bekommen. So fürsorglich die Schwägerin, Anna, zu sein scheint, so destruktiv wirken sich ihre Bemühungen auf den Zustand der Protagonistin aus. Deren Versuch, die aufgezwungene Untätigkeit zu überwinden, indem sie in ihren erlernten Beruf zurückkehrt und wieder anfängt zu schneidern, wird zum Beispiel damit gekontert, dass die Schnapsflaschen ab sofort frei zugänglich sind. In Wirklichkeit möchte die Schwägerin den Platz der Wirtin an der Seite ihres Bruders Arnold einnehmen. Daneben hat aber auch sie ihre Probleme zu bewältigen. Schlussendlich sind beide Verliererinnen, denn das „Rennen“ macht eine lachende Dritte.

Die Geschichte wird grösstenteils aus der Perspektive der Protagonistin erzählt, gelegentlich direkt in der Ich-Person, wodurch man als Leser bald vergisst, dass alles „nur“ ausgedacht ist. Mit einer nüchternen, kunstvoll mit Metaphern angereicherten Sprache gelingt es der Autorin, eine Beklemmung heraufzubeschwören, die man oft im Beisein eines Süchtigen empfindet. Alles dreht sich im Kreis, Motive wiederholen sich. Thema ist aber nicht nur der Alkoholismus, sondern auch das Dem-Mann-Unterworfensein der Frau. (Das Buch ist 1984 – nur 13 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts – erschienen.) Oft nimmt die Wirtin mit ihrem inneren Monolog den Fortgang der Geschichte vorweg. Dies geschieht manchmal allein durch Assoziationen, die durch einen teilweise symbolhaften Sprachgebrauch geweckt werden, so z.B. am Anfang des Buches, als „Eiswürfel fallen.“ oder als jemand, vermutlich die Wirtin zu sich selbst, auf der Fahrt aufs Land sagt: „Die Tage werden dir rasch vergehen.“ 

Margrit Schriber hat Jahrgang 1939 und lebt in Zofingen. Nebst Romanen, die oft eine Trostlosigkeit und Sinnlosigkeit des Lebens zeigen, schreibt sie auch Erzählungen, Hörspiele und Theaterstücke. Erstaunlich, dass eine Autorin von diesem Format nicht besser bekannt ist.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen