Ein Blog
http://alles-schallundrauch.blogspot.com/
Darf man das? Texte mit zwar erstklassigem Inhalt, aber zweifelhafter Grammatik und manchmal haarsträubendem Stil online stellen? Die Allgemeinheit, einschliesslich hin und wieder seine Leser, als „Schlafschafe“ beschimpfen, während man selbst unter einem Pseudonym schreibt? Staatsmänner und -frauen und andere wichtige Personen oder Institutionen mit beleidigenden Spitznamen versehen, wie den französischen Premier mit Nicolas „Sarkotzy“, den ehemaligen Chef der Schweizerischen Nationalbank mit Philipp „Hirnverbrannt“, die Deutsche Bank mit „Täusche Bank“ und überhaupt die Machenschaften der sogenannten Elite schonungslos aufdecken?
„Freeman“, der Autor von „Alles Schall und Rauch“, fragt nicht lange, sondern tut es einfach. Und der Erfolg gibt ihm Recht: Seit 2007, als er seinen ersten Beitrag geschrieben hat, hat seine Seite laut eigenen Angaben mehr als 60 Millionen Zugriffe verzeichnet; das sind im Schnitt 37'500 pro Tag. Damit ist er punkto Leserzahlen, zumindest im deutschsprachigen Raum, weit vorne mit dabei – was erstaunlich ist angesichts der Tatsache, dass Seiten wie www.esowatch.com kein gutes Haar an ihm (der angeblich mit bürgerlichem Namen Manfred Petritsch heisst und von der Schweiz aus operiert) lassen und ihn gar als Verschwörungstheoretiker abtun. Unter den sogenannten Wahrheitssuchenden ist dieser Blog längst Kult.
Aber worum geht es? Was auf den ersten Blick wie eine Mischung aus einem Politthriller und dem unkontrollierten Erguss eines Wutbürgers erscheint, erweist sich bei näherem Hinsehen als offensichtlich gut recherchierte Berichte und fundierte Kommentare zum täglichen Welt-/Politgeschehen. Freemans Lieblingsthemen sind 9/11 (der Anschlag auf die Twin-Towers von New York) und in diesem Zusammenhang die Kriege der USA/NATO gegen ölfördernde Länder im Nahen Osten; die Neue Weltordnung (NWO), die auf dem besten Weg ist, installiert zu werden und damit die Bilderberger, der Einfluss der (globalisierten) Wirtschaft und der Banken sowie die aktuelle Finanzkrise; und nicht zuletzt das seltsame Konstrukt der EU, in dem die Schweiz faktisch als Passivmitglied mit drin hängt und das laut Freeman von den Bilderbergern als Machtinstrument benützt wird. Die Mainstream-Medien mit ihrer Propaganda vergleicht er gern mit der Propaganda der ehemaligen UdSSR und spricht analog von der EU als EUdSSR.
Was da steht, ist deprimierend und hinterlässt ein mulmiges Gefühl. Wollen wir das wirklich wissen? Dass 9/11 von den USA selbst inszeniert wurde, um einen Grund zu haben, Afghanistan anzugreifen? Dass wir nicht von Politikern regiert werden, wie wir geglaubt haben, sondern von Novartis, Nestle und der Nationalbank, bei denen wiederum noch mächtigere Mächte die Finger im Spiel haben? Wir wünschten uns, der Autor täuschte sich und seine düsteren Voraussagen seien falsch. Nur wenige Mausklicke entfernt wäre Blick online mit seinen lebensnotwendigen Meldungen über Stars mit Busenvergrösserungen oder (ach, du Schande!) unsauber rasierten Achselhöhlen. Als Alternative könnten wir, um ein beliebtes Klischee zu verwenden, auch weiterhin Chips essend auf dem Sofa sitzen und uns von Talk-Shows und Supertalenten geistig zumüllen lassen. Doch wenn wir standhaft bleiben und weiterlesen, fangen wir eventuell an selber zu denken, Freemans erklärtes Ziel, und stellen fest, dass seine Argumentation, soweit von einem Laien beurteilbar, durchaus Hand und Fuss hat. Paradoxerweise unterstützt der ungeschliffene Schreibstil eher noch Freemans Glaubwürdigkeit, denn wie könnte jemand, der so frei von der Leber weg schreibt, dass in seinem Eifer die Rechtschreibung, Zeichensetzung und Satzstellung einfach zu kurz kommen, die Unwahrheit sagen?
Regelmässiges Lesen von „Schall und Rauch“ kann dazu führen, dass Sie NZZ, Tagi und Weltwoche (die sowieso!) mit ganz anderen Augen lesen und sich bei jedem Artikel fragen, wer ein Interesse haben könnte, Ihnen das, was da steht, glauben zu machen. Nicht immer muss eine Manipulation dahinterstecken, doch die Meldungen in sogenannten etablierten Medien mal zu hinterfragen, kann bestimmt nicht schaden.
Freemans ruppige Art verzeiht man ihm gerne, gibt er doch nebenbei grosszügig Tipps ab, die sich unter Umständen als sehr wertvoll erweisen können. Zum Beispiel hat er vor drei Jahren, als es mit der Finanzkrise so richtig losging, seinen Lesern geraten, ihr Vermögen in Gold oder anderen Edelmetallen anzulegen, da er den Mechanismus der Schuldenpolitik längst durchschaut (und selbstverständlich schlüssig erklärt) und die damit einhergehende Geldentwertung vorausgesehen hatte. Tatsächlich ist der Goldkurs seither fast auf das Doppelte gestiegen. Weiter empfiehlt er seit Jahren, lokale Netzwerke zu pflegen und soweit im Einzelnen möglich, auf Selbstversorgung umzustellen. Und nun zeigt es sich immer mehr, dass bald von Glück sagen kann, wer ein kleines Grundstück besitzt, auf dem er, sollte es zum Schlimmsten kommen, seine eigenen Kartoffeln anpflanzen kann.
Natürlich kann sich auch Freeman in gewissen Punkten irren, doch für einen Leser, der nicht alles blind übernimmt, sondern sich selbst ein Urteil bildet, ist der Nutzen des Blogs weit grösser als es ein Schaden je sein könnte. „Schall und Rauch“ sollte für jeden Bürger Pflichtlektüre sein.