Freitag, 3. Februar 2012

Maile Meloy – Tochter einer Familie

(Original: A Family Daughter)
Kein & Aber/2010
Übersetzung aus dem Englischen: Ursula-Maria Mössner

Die 7-jährige Abby, deren ewig unzufriedene Mutter Clarissa gerade für einen Selbstfindungsversuch nach Hawaii geflogen ist, verbringt den Sommer bei ihrer Grossmutter, als sie an Windpocken erkrankt und zum Trost von ihrem Onkel Jamie mit Strandausflügen und Spielen abgelenkt wird. Dreizehn Jahre später, als Abby infolge des Unfalltodes ihres Vaters, an dem sie sich schuldig fühlt, am Boden zerstört ist, kommt Jamie zu Besuch, um sie aufzumuntern – und bleibt. Sie werden intim miteinander. Dies hat weitreichende Konsequenzen, denn bei der Verarbeitung ihrer Schuldgefühle stossen sie auf unerwartete Familiengeheimnisse (Abby wird einen Roman darüber schreiben), die die vermeintliche Vorzeigefamilie immer mehr entlarvt, bis sie sich am Schluss mit ihren Träumen, Hoffnungen und Begehrlichkeiten als überdurchschnittlich durchschnittlich herausstellt.

Der Plot mag nicht besonders originell sein, doch bis auf wenige etwas plumpe Stellen ist er geschickt konstruiert. Die zum Teil heiklen Themen wie der Inzest werden aber eher oberflächlich abgetan, noch dazu bekommen wir von der amerikanischen Gesellschaft ein Bild, das uns in unseren Klischees nur bestätigt: prüde, bigott, pathetisch. Warum man das Buch trotzdem fertig liest, liegt an der Kombination eines spannenden, temporeichen Schreibstils mit einer schnörkellosen, zweckmässigen Sprache. Ungewöhnliche Bilder muss man zwar lange suchen, doch umso angenehmer überrascht ist man, wenn man auf eines stösst: „…und dann half er Abby am Strand in den kleinen Wellen herumzuhüpfen.“ Trotz, oder vielleicht wegen, ihrer unauffälligen Sprache gehört Meloy zudem nicht zu den zahlreichen, selbst namhaften, Schriftstellern, die an erotischen Szenen scheitern – diejenige, wo Abby und Jamie sich zum ersten Mal verführen, ist gar hervorragend: „Er hob das T-Shirt auf und roch daran. Es roch nach gebratenen Süsskartoffeln und Abbys Mintseife. Er warf es in den Wäschekorb. Die Ringe des Duschvorhangs rasselten über die Stange, und das Geräusch des Wassers, das nun auf Abbys Körper traf statt auf die Wanne, änderte sich.“

Obwohl die Figuren alle in ähnlichem Masse problembeladen scheinen – tatsächlich sind die gelegentlichen dezent humorvollen Stellen eine Wohltat – wirken sie authentisch. Die Perspektive wechselt allerdings zu wild hin und her; die Autorin scheint nicht die Grenze ziehen zu können zwischen Haupt- und Nebenfiguren. Dadurch, dass wir im Laufe des Romans praktisch in alle Beteiligten hineinsehen, geht ihm etwas die Mitte verloren. ‚Worum geht’s jetzt wirklich? Und wer ist jetzt wirklich die Hauptperson?’ fragt man sich am Schluss beinahe.

Maile Meloy hat Jahrgang 1972 und wohnt in Kalifornien. Auf Deutsch erhältlich sind von ihr auch der Roman „Lügner und Heilige“ (Kein&Aber, 2011) sowie „Das Haus am Ende der Welt“, eine Kurzgeschichtensammlung (Goldmann, 2004).

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