Grundlagen und Praxisanleitungen für eine erfolgreiche Ernährungsumstellung
Windpferd/2011
Windpferd/2011
Mit 480 Seiten, einem Gewicht von 1,5 Kilo und einem Beinahe-A4-Format handelt es sich tatsächlich um ein grosses Buch. Angelika Fischer, einer Ingenieurin in Umwelt und Biochemie, die dank Rohkost-Ernährung ihre Neurodermitis und andere chronische Krankheiten geheilt hat, ist es offenbar ein Anliegen, mit dem „grossen Rohkost-Buch“ angehenden Rohköstlern einen Weg zur reibungslosen Ernährungsumstellung aufzuzeigen.
Dass das Rohkostverständnis der Autorin teilweise stark von dem anderer Rohkostvertreter abweicht ist zwar manchmal erfrischend. Doch in einem Buch, das sich als „Das grosse Rohkost-Buch“ bezeichnet, hätte man sich gewünscht, dass die Ansichten der Autorin mit den wichtigsten der bereits bestehenden zumindest in Beziehung gesetzt worden wären – oder dass ansonsten ein anderer Titel gewählt worden wäre.
Fischer geht davon aus, dass wir, um uns, besonders als Rohköstler, ausgewogen zu ernähren, die verschiedenen Pflanzenfamilien und ihre hauptsächlichen Inhaltsstoffe kennen müssen. So befasst sich denn auch der Hauptteil des Werkes damit, uns diese Pflanzengruppen und ihre wichtigsten Bestandteile vorzustellen. Eine nicht zu überlesende Botschaft des Buches ist aber auch, dass und wie wir unsere Sinne, insbesondere den Geruchs- und Geschmackssinn, dazu benutzen sollen, um die Qualität von pflanzlichen und tierischen Nahrungsmitteln zu erkennen bzw. deren Inhaltsstoffe festzustellen. Die Lebensmittelpyramide für Rohköstler teilt unsere Nahrung in häufig, jahreszeitenabhängig und selten oder nach Bedarf zu konsumierende Pflanzengruppen ein. Das Buch ist auf Qualitätspapier gedruckt und mit vielen schönen Farbfotos und bunten Tabellen und Abbildungen angereichert.
Es stellt sich jedoch die Frage, ob die Komplexität des Themas nicht das Zielpublikum verfehlt. Als Motivator, um auf die Rohkost umzusteigen, ist das Buch wegen seiner grösstenteils sehr technischen Ausführungen wenig geeignet (ganz im Gegensatz beispielsweise zu Wandmakers „Rohkost statt Feuerkost“ oder anderen weniger wissenschaftlich geschriebenen Einführungen in die Rohkost-Ernährung). Die meisten Neo-Rohköstler kümmern sich erst mal überhaupt nicht um die Zusammensetzung ihrer Nahrung, zu einschneidend – meistens im positiven Sinne – sind die Veränderungen im Wohlbefinden, die sich durch diese Ernährungsumstellung ergeben. Erst wenn sich durch eine zu einseitige Ernährung oder durch Altlasten Mangelerscheinungen einstellen, fangen die meisten an, sich näher mit der Theorie zu befassen. So gesehen ist „Das grosse Rohkost-Buch“ eher für bis zu einem gewissen Grad erfahrene Rohköstler geeignet, die vielleicht trotz Problemen diesen Weg weiter gehen wollen.
Daneben ist es zweifelhaft, ob es überhaupt nötig ist, sich ein so detailliertes theoretisches Wissen anzueignen, um mit der Rohkost klarzukommen. Das Geruchs- und Geschmacksempfinden in die Ernährungsauswahl einzubeziehen ist bestimmt ein „sinn“-voller Weg, doch gerade deshalb müsste man doch davon ausgehen, dass es für einen Rohköstler reicht, instinktiv zu erriechen und erschmecken, woran er Bedarf hat. Wenn man nämlich ins Tierreich blickt, stellt man fest, dass kein Tier irgendwelche Bücher lesen muss, um zu wissen, welche Nahrung für es gut ist. Im Übrigen spielt dabei auch das Angebot eine Rolle, was bei näherer Betrachtung ein weiterer Makel im „grossen Rohkost-Buch“ ist. Erstens nützt all das theoretische Wissen über Pflanzenfamilien zunächst gar nichts, wenn man sich nicht mit Wildpflanzen schon auskennt. Es ist, als ob wir laufen sollten, bevor wir überhaupt stehen gelernt haben. Ganz abgesehen davon, dass nicht jeder einen eigenen Garten besitzt, wo er, wie anscheinend Frau Fischer, nach Lust und Laune Kräuter anpflanzen kann. Und zweitens sind sehr viele der erwähnten Pflanzen nicht bei uns heimisch – die Rede ist nicht von Bananen, Orangen und Co., die es in jedem Supermarkt zu kaufen gibt, sondern von beispielsweise Safus, Durian oder Cassia. Diese werden angepriesen, als seien sie ohne weiteres für jedermann erhältlich und erschwinglich. Dem ist natürlich nicht so. Genauso wie der ökologische Aspekt dieses Exotentourismus völlig ignoriert wird. Es mutet reichlich schizophren an, wenn sich ein Rohköstler auf Natürlichkeit beruft, um seine Ernährungsweise zu rechtfertigen, sich aber gleichzeitig den Luxus gönnt, sich regelmässig Tropenfrüchte von spezialisierten Versandfirmen nach Hause schicken zu lassen.
Sprachlich hat man den Eindruck, das Buch sei überhaupt nicht oder zumindest sehr schlampig lektoriert worden, was schade ist bei dem insgesamt doch gehaltvollen Thema und der grossen Arbeit, die dahinter steckt, den in vielerlei Hinsicht wertvollen Inhalt aufzubereiten. Ein Lektorat hätte bestimmt auch einige der inhaltlichen Fehler entdeckt, wie z.B. dass Orangen sowohl bei den Früchten, die nachreifen, als auch bei jenen, die nur an der Mutterpflanze ausreifen, aufgeführt sind. Und nicht zuletzt hätte ein Lektorat „durchaus“ verhindern können, dass dem Leser schon nach wenigen Seiten auffällt, welches das Lieblingswort der Autorin ist, kommt das „durchaus“ praktische und vielseitige Adverb doch so häufig vor, dass es zuweilen „durchaus“ störend wirkt.
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