Freitag, 3. Mai 2013

Julia Ross: The Mood Cure




A 4-Step Program to Take Charge of Your Emotions Today
Experience the Power of Nutritional Therapy
Deutsch: Was die Seele essen will; Die Mood Cure (Übersetzung Julia Höfer, Swantje Künckeler)

Und plötzlich ist alles klar: Warum manche Menschen nicht anders können als ständig auszuflippen. Warum andere nicht von den Drogen loskommen. Warum viele zu Süssigkeiten, Kaffee und Alkohol Zuflucht nehmen. Wenn Julia Ross Recht hat, gibt es sogar eine Erklärung dafür, warum Veganer oft übersensible Menschen mit schwachen Nerven sind.

Julia Ross gilt als Pionierin in der ernährungsbasierten Behandlung von Essstörungen (siehe auch ihr erstes Buch „The Diet Cure“), Sucht- und psychischen Problemen und führt in Kalifornien eine eigene Klinik, wo ebensolche Krankheiten behandelt werden. Mit viel Sachverstand erklärt sie nicht nur die biochemischen Körpervorgänge, die unsere Stimmungen beeinflussen, sondern bietet auch Lösungen an für alle, die unter Depressionen, Stress, Suchtproblemen, Reizbarkeit, Schlafstörungen und anderen psychischen Störungen leiden. Doch der Titel des Buches, zumindest in der deutschen Übersetzung, verspricht mehr, als er halten kann. Zwar widmet die Autorin tatsächlich ein kleines Kapitel der Ernährung, doch hauptsächlich geht es um die Behandlung der verschiedenen Gemütskrankheiten mit Nahrungsergänzungsmitteln. Für jedes Stimmungsproblem hat Ross ein ganzes Programm parat, das nebst hochdosierten Vitaminen und Mineralstoffen verschiedene Aminosäuren wie GABA (gamma-amino-butyric-acid) oder Phenylalalin vorsieht. Da jedoch psychische Störungen in der Regel bei jedem Menschen in unterschiedlicher Kombination und Schweregrad vorkommen, müssen diese Ergänzungsstoffe exakt richtig zusammengesetzt, dosiert  und zum richtigen Zeitpunkt eingenommen werden, um einen Nutzen zu bringen. Es ist kaum vorstellbar, dass ein Laie dies ohne Beizug einer Fachperson schafft.

Ein weiterer Punkt, der dieses Buch als Selbsthilfeanleitung, als die es angepriesen wird, wertlos macht, ist, dass einige der empfohlenen Substanzen, wie z.B. Tryptophan (eine Vorstufe des stimmungsaufhellenden Serotonins) in der Schweiz rezeptpflichtig sind. Darüber, ob diese Zusatzstoffe natürlich sind, wie Ross behauptet, kann man sich ebenfalls streiten. Zwar werden sie vom Körper aus der zugeführten Nahrung selbst hergestellt, doch deswegen anzunehmen, es komme auf dasselbe heraus, wenn man sie in reiner Form von aussen zuführe, ist gewagt. Einen grossen Vorteil gegenüber den konventionellen Psychopharmaka bieten diese Aminosäuren aber allemal: Es treten bei korrekter Anwendung wenigstens keine Nebenwirkungen auf.

Wer gegen die Einnahme jeglicher „künstlicher“ Mittel ist, kann es auch mit konsequenter Ernährungsumstellung versuchen. Doch auch hier gibt es Zweifel und Widersprüche. Ross betont die Wichtigkeit von regelmässigen Mahlzeiten und die Schädlichkeit von raffinierten Nahrungsmitteln wie Zucker und weissem Mehl, was allgemein anerkannt ist. Sie empfiehlt aber auch, mit jeder Mahlzeit eine Mindestmenge an tierischem Eiweiss und „guter“, also meist gesättigter (und damit wiederum tierischer) Fette zu sich zu nehmen, rät von Pflanzenölen (ausser dem „heiligen“ Olivenöl) und bestimmten anderen pflanzlichen Produkten wie Soja ab. Bei dieser Propaganda für eine tierische Ernährung (ist Ross etwa von der mächtigen amerikanischen Nahrungsmittelindustrie gekauft?) erwähnt sie leider mit keinem Wort weder die ökologischen Probleme, die durch übermässigen Fleisch- und Fischverzehr herbeigeführt werden, noch die erstaunlichen Ergebnisse der wohl umfassendsten Studie, die im Bereich Ernährung je durchgeführt wurde, nämlich der „China-Studie“. Diese ist zum Schluss gekommen, dass das Vorkommen von Zivilisationskrankheiten auf der ganzen Welt proportional zum Anteil an tierischen Produkten in der Ernährung steigt, dass also eine vorwiegend pflanzliche Ernährung in gesundheitlicher Hinsicht auf jeden Fall besser ist.

Je nachdem, wie sehr jemand unter seinen extremen Stimmungen leidet, ist es bestimmt sinnvoll, etwas dagegen zu unternehmen. Allerdings muss die Frage erlaubt sein, ob es wirklich nötig ist, jede Abweichung von der Norm so rigoros zu bekämpfen. Traurigkeit (Depression) gehört zum Leben genauso wie Überdrehtheit (Stress), Reizbarkeit genauso wie Erschöpfung. Leider kann auch auf diesem Gebiet, wie in vielen anderen Bereichen, eine Tendenz zu Gleichschaltung der Menschheit und Ausmerzung von abweichenden Charaktermerkmalen beobachtet werden.

„The Mood Cure“ ist ein Buch, das, obwohl es interessante Zusammenhänge für Laien verständlich aufzeigt und Hoffnung auf die Wiederherstellung psychischer Ausgeglichenheit macht, wegen des teilweise umstrittenen Inhalts und der Komplexität der vorgeschlagenen Selbstmedikation nur auf Rezept erhältlich sein sollte.


Como agua para chocolate



Üppig. So könnte man dieses Buch am ehesten beschreiben. Die Geschichte spielt in Mexiko im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Tita, die jüngste von drei Töchtern einer verwitweten Grundbesitzerin, soll gemäss Tradition ihre Mutter bis zu deren Tod betreuen und darf deshalb nicht heiraten. Ihre Liebe zu Pedro, der, um ihr trotzdem nahe zu sein, ihre Schwester heiratet, aber auch ihr damit verbundener Frust, drückt sie in der Küche aus. Als Köchin der Familie kreiert sie die wunderbarsten Gerichte, die noch dazu bei den Essern die gleichen Gefühle auslösen, die sie beim Kochen empfunden hat. 

Ähnlich wie bei Simmels „Es muss nicht immer Kaviar sein“ werden auch hier die Rezepte mitgeliefert. Und überhaupt geht es im Buch, was bei diesem Plot nicht sehr überraschend ist, vor allem ums Essen, und zwar um gutes Essen. Es ist deshalb dringend davon abzuraten, es während einer Fastenkur oder Diät zu lesen, denn wenn Sie nicht gerade ein kulinarischer Banause oder Asket sind (in diesem Fall wird Ihnen aber das Buch von Anfang an nicht zusagen), wird Ihnen auf jeder Seite das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ja man möchte die Gerichte auf der Stelle nachkochen – mal abgesehen davon, dass in unseren Breitengraden und unserem Zeitalter nicht alle angegebenen Zutaten leicht zu finden sein dürften. Wo zum Beispiel bekommt man eine Pitahaya, eine Kakteenfrucht her, oder zwei Pfund Maracaibakakao?

Die Rezepte, und somit die Kapitel, sind fortlaufend nach Monaten geordnet. Das stört ein bisschen, weil sie sich nicht mit dem Zeitablauf der Geschichte decken. Dies ist aber auch schon das Einzige, was man der Autorin, Laura Esquivel, vorwerfen kann. Mit einer bildhaften Sprache in der Tradition des magischen Realismus gelingt es ihr, den Leser von der ersten bis zur letzten Zeile bei der Stange zu halten. „Como agua para chocolate“ war ihr erster Roman und erschien 1989. Inzwischen wurde er schon in etwa 30 Sprachen übersetzt. Das Drehbuch zum gleichnamigen Film, der von Alfonso Arau gedreht wurde, schrieb sie selbst. Die deutsche Übersetzung trägt den Titel „Bittersüsse Schokolade“.

Ich habe das Buch als Reclam-Ausgabe gekauft. Dieser Verlag ist Ihnen, wenn Sie im deutschen zur Schule gegangen sind, wohl noch aus dem Deutschunterricht bzw. der Literaturgeschichte ein Begriff. Er bietet – in kleinem handlichem Format mit gelben Umschlägen – die Klassiker der deutschen Literatur zu günstigen Preisen. Inzwischen vertreibt er jedoch auch Bestseller aus aller Welt, zum Teil sogar im Original. Dies ist vor allem für jene Leserinnen praktisch, die nicht gerne Übersetzungen lesen. Und man muss die fremde Sprache dabei nicht einmal perfekt beherrschen, denn Wörter, die nicht im Grundwortschatz enthalten sind, werden übersetzt.

So auch hier. Um eine kleine Kritik kommen wir jedoch nicht herum, denn Original hin oder her, es finden sich in dieser Ausgabe zahlreiche, zwar kleine, Fehler, die auf ein fehlendes oder mangelhaftes Lektorat schliessen lassen: falsche Artikel, falsche Endungen usw. Dies ist vor allem deshalb bedenklich, weil diese Reihe (übrigens mit rotem Umschlag) offensichtlich vor allem Sprachlernende ansprechen will. Wer schon mal eine Fremdsprache gelernt hat und mit beispielsweise widersprüchlichen Schreibweisen eines Wortes konfrontiert worden ist, weiss, wie verwirrend dies sein kann. Ich würde deshalb empfehlen, falls das Buch in der Originalsprache erworben werden soll, es von einem anderen Verlag zu beziehen, z.B. von debolsillo. Erhältlich ist es u.a. bei Amazon.