Donnerstag, 1. Dezember 2011

Petros Markaris - Faule Kredite


Gemäss dem Londoner The Observer ist Petros Markaris einer der zehn besten Krimiautoren Europas. Manche Literaturkritiker bezeichnen seine Bücher als Kult. Solche Aussagen könnte Sie dazu verleiten, sich auf sein neustes Werk, „Faule Kredite“, das in der Übersetzung von Michaela Prinzinger vorliegt und 2010 im Diogenes Verlag erschienen ist, einzulassen. Tun Sie es nicht!

Es ist ein langweiliges Buch. Die Geschichte plätschert hunderte von Seiten lang unaufgeregt vor sich hin und kommt zu einem nicht mehr als befriedigenden, also nicht besonders überraschenden Schluss. Für einen Krimi, der im heutigen Griechenland spielt (also dem, das gerade von der Finanzkrise gebeutelt wird) und ausserdem den Anspruch hat, gesellschaftskritisch zu sein, genügt das nicht.

Der Plot an sich wäre vielversprechend: Mehrere Morde an Bankern, allesamt mit dem Schwert enthauptet, lassen die Finanzwelt erzittern. Gleichzeitig erscheinen in der ganzen Stadt anonyme Plakate und Aufkleber, die die Bevölkerung dazu auffordern, die Banken zu boykottieren. Den Ich-Erzähler und Kommissar Kostas Charitos lässt das jedoch scheinbar kalt. Statt sich mit einer guten Dosis Adrenalin im Blut an die Arbeit zu machen und den Leser tausend Tode sterben zu lassen, bis der Fall gelöst ist, schwafelt er langatmig von Familienangelegenheiten und hat sich offenbar zum Ziel gesetzt, uns die Finanzkrise zu verklickern. (Nicht vergebens hat der Autor in seiner Jugend Volkswirtschaft studiert.) Dass sich aber die Griechen, in erster Linie die Staatsangestellten, damit auseinandersetzen müssen, dass ihnen im Zuge der Sparmassnahmen die Renten gekürzt, das Rentenalter erhöht (von 50 auf 55 oder so) und die Anzahl Monatsgehälter verringert werden (von 15 auf 13), lässt einen völlig kalt. Das liegt aber nicht daran, dass das griechische Sozialwerk im Vergleich mit unserem bisher offenbar ziemlich grosszügig ausgestattet war, sondern dass Markaris viel zu sehr ins Detail geht und seine Figuren all das sagen lässt, was der Leser lieber durch ihre Handlungen selbst entdecken würde. Wir wollen nicht ständig hören, wie brisant die Situation ist, wir wollen es erleben, darin eintauchen. Telling statt Showing heisst die Sünde im Fachjargon. Besonders störend ist sie bei Informationen, die mit der Geschichte gar nichts zu tun haben, wie im folgenden Abschnitt, der beinahe aus einem Werbeprospekt für Griechenland stammen könnte: 

„Meine liebe Adriani, keine Diskussion: Morgen gibt’s Souflaki“, meinte Fanis entschieden. „Alle wichtigen Ereignisse werden in Griechenland mit Souflaki gefeiert. Denk nur an das Ende der Militärjunta, an dem Abend strömten die Leute auf die Strassen und hielten in der linken Hand eine Kerze und in der rechten Souflaki.“
„Genau wie 2004 bei der Olympiade“, bekräftigte Katerina. „Man sollte mal ausrechnen, wie viele Tonnen Souflaki da vor den Fernsehgeräten verdrückt wurden!“
„Zu Weihnachten essen wir Truthahn und zu Ostern Lamm am Spiess, aber alle nationalen Erfolge wurden immer schon mit Souflaki gefeiert“, ergänzte Fanis.

Die Redundanzen sind typisch für das Buch. Nicht nur, dass der Erzähler jedes Mal erwähnt, wenn er unterwegs ist, darüber hinaus gibt er uns akribisch jede Strasse an, durch die er fährt und vergisst auch kein einziges Mal darauf hinzuweisen, wenn er in einen Stau gerät – was praktisch immer ist. Sowohl er wie auch die Nebenfiguren bleiben seltsam gesichtslos und austauschbar. Es kümmert einen nicht, was aus ihnen wird, und das hat nur zu einem kleinen Teil damit zu tun, dass ihre komplizierten griechischen Namen so schwer auseinanderzuhalten sind. (Tatsächlich wäre eine Personenliste hilfreich gewesen.). Man kann das Buch ruhig ein paar Tage weglegen – wenn man sich nicht gleich entschliesst, es in den Müll zu werfen –, man  weiss, man wird nichts verpassen, denn so phlegmatisch der Typ bei der Auflösung des Verbrechens wirkt, dass er den Fall am Ende lösen wird, traut man ihm zu. Er ist einer dieser zwar zuverlässigen, aber völlig langweiligen Menschen, die man vielleicht in schweren Zeiten gern zum Freund hat oder hätte, die in einem aber null Inspiration entfachen.

Die Sprache ist korrekt, weiter nichts; der Stil hat etwas Leidenschaftsloses und der angebliche Humor wirkt bemüht. Als der Kommissar mit seiner Familie das WM-Endspiel schaut, denkt er zum Beispiel: Sie [seine Tochter] und Fanis sind so in das Spiel vertieft, dass sie die Souflakis links liegen lassen. Daher habe ich in der Zwischenzeit schon drei Portionen verdrückt, ohne dass es meiner Tochter oder meinem Arzt aufgefallen wäre. Das soll lustig sein?

Das Schlimmste kommt erst noch: „Faule Kredite“ ist als Auftakt zu einer Trilogie der Krise gedacht. Offenbar wird also noch mehr davon kommen. Dabei kann man nur hoffen, dass mit Krise tatsächlich die Finanzkrise und nicht etwa die Schaffenskrise des Autors gemeint ist.

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