Donnerstag, 1. Dezember 2011

Bill Bryson - Streifzüge durch das Abendland

Goldmann, 2001
(Original: Neither Here Nor There; Avon Books; 1992)

Bill Bryson steht für gute Unterhaltung mit einem Schuss Sarkasmus. So
gesehen enttäuscht er uns mit  „Streifzüge durch das Abendland“ nicht.
Und doch … 


Der Autor reist 1990 mitten im Winter nach Hammerfest, um das Nordlicht
zu sehen. Von da geht es weiter nach Oslo und später kreuz und quer durch
Europa bis nach Istanbul. Mit einem scharfen und schonungslosen Blick für
die Eigenheiten der bereisten Nationen berichtet er uns auf zum Teil zum
Schreien komische Weise, was er dabei alles erlebt. Zusätzlich durchflicht
er den Text elegant mit Begebenheiten, die sich auf seiner ersten
Europareise rund zwanzig Jahre zuvor und auf der zweiten, in Begleitung

seines Freundes Stephen Katz, zugetragen haben sowie mit allerlei mehr
oder weniger relevanten, aber gut recherchierten Zusatzinformationen.

Sollte es auch stimmen, dass die Deutschen keinen Humor haben und die
Schweizer nicht wissen, was Spass ist, wie Bryson an einer Stelle
klischeehaft behauptet, hart im Nehmen müssen sie aber dennoch sein.
Oder würden sie sonst ein Buch aus dem Amerikanischen ins Deutsche
übersetzen lassen, in dem in den entsprechenden Kapiteln ständig auf
ihre Fehler (besonders die Rolle der Deutschen im 2. Weltkrieg und die
skrupellose Geschäftstüchtigkeit der Schweizer) hingewiesen wird? Dabei
ist die Meinung des Autors eine rein subjektive, sagt er doch an einer
Stelle selbst: „Ich glaube nicht, dass ich den Deutschen jemals ihre
Vergangenheit verzeihen kann, jedenfalls nicht, solange ich mich fragen
muss, ob der freundliche, alte Kellner, der mir meinen Kaffee bringt, seine
Jugend damit verbracht hat, Babys auf Bajonette zu spiessen oder Juden
in die Gaskammern zu schicken.“


Im Jahre 1991, als die amerikanische Originalausgabe herauskam, hätten
wir das Buch vielleicht anders gelesen, doch heute muten solch
undifferenzierten Aussagen aus dem Mund, bzw. aus der Feder eines
Amerikaners – gerade in Anbetracht der weltpolitischen Rolle dieses Volkes
in den letzten zwanzig Jahren – arg seltsam an. Brysons vermeintliche
persönliche Haltung passt da gut ins Bild. Typisch amerikanische Prüderie,
könnte man beispielsweise mit seiner eigenen Boshaftigkeit bemerken,
als er sich furchtbar über ein Pornokino am Kölner Hauptbahnhof aufregt.
Wo er doch sonst übers ganze Buch hinweg selbst sexuelle Anspielungen
macht, und zwar von solcher Geschmacklosigkeit, dass sie bei der
Übersetzung zensiert worden sind. Weiter scheint er enttäuscht zu sein,
weil ihm die Franzosen nicht wie die Belgier und Holländer vor Dankbarkeit,
dass die Amerikaner sie im zweiten Weltkrieg von den Deutschen befreit
haben, um den Hals fallen, sondern ihn im Gegenteil sogar ziemlich
abweisend behandeln. Aber natürlich kann man sich nie sicher sein, ob er
es nicht ironisch meint. Genauso wie die vielen Übertreibungen und bei
genauer Betrachtung oft ziemlich konstruiert wirkenden Anekdoten
manchmal gewisse Zweifel aufkommen lassen. Als der Protagonist zum
dritten Mal am Schalter einer Touristeninstitution aufs Gröbste veräppelt

wird, fragt man sich nämlich als Leser, wie viel von der ganzen Geschichte
überhaupt wahr ist und wie viel er dazuerfunden hat.


Zugutehalten muss man dem Autor trotz seiner Ungerechtigkeiten, dass
er auch nicht davor zurückschreckt, sich selbst aufs Korn zu nehmen.
Beispielsweise schildert er uns ohne etwas zu beschönigen, wie er in
Kopenhagen, nachdem er am Abreisetag verschlafen hat und im Hotel
scheinbar abgezockt worden ist, der Receptionistin gegenüber so ausfällig
wird, dass man sich als Leser fremdschämt, anschliessend das Hotel wutschnaubend verlässt und – immer noch ohne einen Kaffee gehabt zu
haben – an den Bahnhof hetzt, um den geplanten Zug nach Göteborg zu
erwischen...


Was das Buch ungeachtet der genannten Kritikpunkte lesenswert macht, ist
nebst Brysons Humor sein unverwechselbarer Sprachstil. Obwohl man diesen
keinesfalls literarisch nennen kann, enthält er – besonders im englischen
Original, denn teilweise sind sie so gut wie unübersetzbar –einige sprachliche
Köstlichkeiten (ein Begriff, der wegen der manchmal derben Ausdrucksweise
zwar nicht immer passend ist).
„Europeans do seem to have a peculiar
fondness for alfresco excretion.“, „… feeling your way along the walls […]
and colliding scrotally with the corner of a nineteenth-century oak table …“
oder „… a towering backdrop of mountains, muscular and snow-peaked …“
sind nur einige Beispiele.
Um sich solche Schätze nicht entgehen zu lassen,
aber auch, weil das Werk teilweise ziemlich eigenwillig übersetzt ist – nebst
der mysteriösen Tatsache, dass in der deutschen Ausgabe das ganze Kapitel
Jugoslawien fehlt– empfiehlt es sich für Englisch Sprechende, das Buch im
Original zu lesen.


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